/ Von Aloys Behler

Auf dem Tisch liegen noch die Schätze, die die Post am Morgen gebracht hat. Historische Literatur zwischen abgegriffenen Einbanddeckeln – Pferdesportfachliches, Militärgeschichtliches. Es ist die jüngste vergilbte Ausbeute unermüdlicher Durchforstung von Antiquariaten. Eine liebevolle Hand richtet den frisch eingetroffenen Bücherstapel in Linie aus. Franz Chiles de Beaulieu, obwohl mit seinen nun bald sechsundachtzig Jahren selber schon Person gewordene Geschichte, ist mit Napoleon noch lange nicht fertig.

Die Stiche an den Wänden der Stube, die Bilder und zahlreich gehüteten Erinnerungsstücke dokumentieren die Passion des Hausherrn. Pferde sind sein Leben. In der Diele hängt schwarzweiß ein über die Zeitläufte geretteter Lanzenwimpel der Ulanen, daneben, noch messerscharf, der Säbel des Vaters, der im Ersten Weltkrieg in der Hölle von Verdun kämpfte.

Das Haus hat seine eigene Geschichte: ein alter Schafstall, errichtet aus abgetragenen Steinen der nahen Burgruine. Die Beaulieus haben das Gemäuer nach ihren Vorstellungen zum behaglichen Wohnhaus umgebaut, als sie hier in Merten, einem Ort an der Sieg, umschlossen von Wald, für die letzten Jahre ihres Lebens zu bleiben sich entschieden.

Vor 24 Jahren hat Franz Chiles de Beaulieu an diesem idealen Ort ein kleines Gestüt auf die Beine gebracht, das "Union-Gestüt Merten". Ihm gilt, obwohl die Leitung inzwischen in jüngeren Händen liegt, noch immer seine Fürsorge: Merten setzt, in bescheidenem Rahmen, die große Tradition des Union-Klubs fort, der einst, bis ihn die Nazis 1933 enteigneten, von Berlin aus die gesamte deutsche Vollblutzucht lenkte und dessen Generalsekretär Franz Beaulieu war. Mit von leiser Selbstironie kaschiertem Stolz weist der Hüter des Erbes auf die Tafel, die er 1967 zum hundertsten Geburtstag des Union-Klubs hat anbringen lassen – "Text und Musik von mir".

Beim Rundgang spazieren die Gedanken des alten Herrn immer wieder zurück nach Hoppegarten, wo er einst über 3000 Morgen Rennbahn- und Trainingsgelände verfügte. Gegen den Verlust der Vergangenheit stehen die kleinen Freuden in Merten: Gunner B., gezogen 1973 in England, unter anderem Sieger in den Eclipse Stakes, sagt guten Tag um den Preis einer Mohrrübe.