Von Klaus Pokatzky

West-Berlin

Das letzte Stück muß der Kandidat zu Fuß gehen; denn Autos sind auf dem Gelände nicht gern gesehen, und Staatskarossen schon gar nicht. Also marschiert Hans Apel, die Sicherheitsbeamten und Mitarbeiter im Gefolge, durch die Ufa-Fabrik, das alte Kopierwerk der "Ufa-Film". Vor gut fünf Jahren illegal besetzt, inzwischen längst durch Nutzungsverträge legalisiert, ist es mittlerweile das Renommierobjekt der Stadt, wenn sogenannte alternative Kultur vorgeführt werden muß.

"Ein paar Dutzend Menschen wohnen, leben und handwerken hier. Judogruppen, Theateraufführungen, Filmabende und ein eigener Zirkus gehören zum Fundus. Auf seinem Marsch durch die Gegen-Welt kommt der frühere Bonner Verteidigungsminister und derzeitige sozialdemokratische Spitzenkandidat für die Westberliner Wahlen im März an Warteschlangen vorbei. Junge Leute in abgewetzten Lederjacken, mit Ohrringen und buntgefärbtem Haar begehren Einlaß für den Film "Akrobat Schööön" oder das Rocktheater Reinicke Fuchs, "sehr frei nach Goethe".

Und endlich haben Hans Apel und sein Troß ihr Eckchen gefunden. "Apel & Co" hat jemand rasch auf ein Stück Papier gekritzelt und an die Tür gepinnt. Drinnen wartet schon ein opulentalternatives Büfett: "biologisches Vollkornbrot aus der Ufa-Fabrik", klare Brühe mit Thymianklößchen, Bauernkartoffeln aus biologischem Anbau, Rotweincreme mit Vanillesoße. Und ein paar Dutzend Gäste warten auch auf den Kandidaten, vornehmlich in Anzugtuch gewandet, schlipsumhüllt. Journalisten, Galeriebesitzer, Künstler, Schriftsteller, Museumsdirektoren aus der versunkenen sozialdemorkratischen Ära. Dazwischen, mit bunten Hüten auf dem Haupt und schulterlangem 68er Haar, einige wenige Ufa-Leute.

Hans Apel wollte "gern diejenigen persönlich kennenlernen, die für die kulturelle Ausstrahlung Berlins eine besondere Verantwortung tragen". Und "diesen Ort" hat er "ausgewählt, um ein von mir gewünschtes Miteinander von tradierten und neuen Ansätzen im kulturellen Leben der Stadt zu betonen". Der Kandidat wirkt müde, wahl-abgekämpft. Blasse Streßflecken durchziehen das um Bräune bemühte Gesicht, ein breites Lächeln hält ihn aufrecht. Morgens schon stand er auf dem Markt in Marienfelde, mittags war Sitzung mit seinem Wahlkampfteam, dann Treffen mit Vorsitzenden von DGB-Gewerkschaften und Besuch bei Sportlern in Charlottenburg. Irgendwo zwischendurch auch noch der Tagespunkt "Eröffnung der Seniorenwoche", den Wolfgang Voigts, sein Terminplaner, so umschreibt: "Da hat er so’n bißchen die Omas – ich weiß nicht, was das war."

Und nun also hat der Kandidat, abends um acht, so’n bißchen die tradierte und die neue Kultur. Die Zeichen stehen schlecht für ihn: CDU 46 bis 47 Prozent, lauten die neuesten Senatsumfragen, SPD 35 bis 36, AL zwölf bis 14, FDP vier. Kriegen die Sozis nun nur doppelt oder doch dreimal soviel wie die alternativen Freaks muß der Kandidat nun immer fragen. Und die anwesenden Repräsentanten der tradierten kulturellen Ansätze haben wohl schon die erwartete Große Koalition im Kopf, mit einem wieder nach Bonn entschwundenen Spitzenkandidaten Apel (Berlin gelocht, geheftet, abgelegt) und des Kandidaten Kandidatin als ihre Kultursenatorin, die dann die Gelder verteilt.