Was wird aus einem, der schon mit elf Jahren Filme gesehen hat, die selbst für Erwachsene starke Kost waren, der sich mit Leidenschaft sechs-, siebenmal dem gleichen Film aussetzte, in dem Ehebrüche, unschöne Liebesdinge und andere Verfehlungen bedeutungsschwer seziert wurden. Der Junge, der François Truffaut hieß, verließ mit vierzehn die Schule, die er, um ins Kino zu gehen, häufig genug geschwänzt hatte. Es war auch die gewöhnliche unglückliche Kindheit, die ihn zur unentwegten Flucht ins Kino trieb.

Während die Altersgenossen der selbstverständlichen Begeisterung für Wildwest- und Seeräuberabenteuer huldigten, zog es den jungen Truffaut zu finsteren Kriminal- und unheilbeladenen Liebesdramen, zum Kino von Liebe und Tod. Damals, im Schüleralter, hatte er bereits rund zweihundert Filme abgesessen.

Bald sollten es mehrere Tausend werden. François Truffaut wurde Filmkritiker, mit achtzehn Jahren. Er wurde Cineast – der Inbegriff eines Cineasten und einer der sehr wenigen, bei denen die maßlose Passion fürs Kino nicht zur Affenliebe verkam; er war nie Spezialist und akzeptierte alles, was auf der Kinoleinwand zum Leuchten kam, solange es auf eine Weise leuchtete, die Raum für Vergnügen und Entdeckungen ließ.

Aufbruch in Rebellion

Die herkömmlichen Bedeutungsmaßstäbe waren ihm gleichgültig, er liebte es, sie aufzulösen, indem er in billigen amerikanischen Reißern das gleiche große Abenteuer der menschlichen Leidenschaften aufspürte, das die etablierte Kultur nur bei einem de Sica oder Ingmar Bergman gewürdigt und genießbar fand. Umgekehrt machte er sich einen profunden Spaß daraus, gewichtigen Bergman-Stoffen den weltanschaulichen Teppich unter den Füßen wegzuziehen und sie als Kolportage zu entlarven, welche er dann freilich sehr wohl goutierte.

Seine Respektlosigkeit als Filmkritiker brachte dem sonst scheu und überempfindsam wirkenden Mann – eine Ausstrahlung, die nie verlorengehen sollte – 1958 den Rauswurf vom Filmfestival in Cannes ein; die Direktoren verlangten, daß die Zeitung, für die Truffaut schrieb, einen anderen an die Côte d’Azur entsandte. Ein Jahr später konnte er es Cannes heimzahlen: Die Festival-Mächtigen mußten ihn dulden, ja ihm sogar ihren Großen Preis verleihen, für seinen ersten Spielfilm „Sie küßten und sie schlugen ihn“; und der zum neuen Regietalent Geweihte saß diesmal nicht mehr als andächtiger und eifernder Schreiberling im Parkett, sondern auf dem Balkon, auf der Ehrentribüne, „und da oben“, erinnerte er sich, „konnte ich endlich uneingeschränkt den hübschen Effekt der Blumenarrangements würdigen...“

Truffaut hat dann, im Gegensatz zu seinem „Neue Welle“-Mitstreiter Jean-Luc Godard, nie die Lust verloren, als Regisseur zur oberen Klasse zu gehören. Die Außenseiter- und Abweichler-Rolle, die Truffaut als Kritiker und Cineast gespielt hatte, fand bezeichnenderweise in seiner Existenz als Regisseur keine Fortsetzung. Aus dem cineastischen Hansdampf in allen Gassen, für den keine Regeln und Wertskalen galten, wurde der letzte Klassiker der Kinogeschichte.