Name: Jacques Abouchar. Beruf: Reporter. Am 17. September war der französische Fernsehjournalist mit einem Trupp afghanischer Widerstandskämpfer in einen Hinterhalt geraten und gefangengenommen worden. Vorige Woche verurteilte ihn ein Gericht in Kabul zu 18 Jahren Haft wegen „Grenzveretzung“. Das sei „ein mildes Urteil ‚ befand der afghanische Geschäftsträger in Paris. An der Seine gibt es nicht viele, die diese Meinung teilen.

Die „Affäre Abouchar“ wirft in Frankreich hohe Wellen und ist – für das afghanische Regime wie für die Sowjetunion – mit politischen Kosten verbunden. Zwar streut der Kreml beschwichtigende Erklärungen aus, die Angelegenheit könne bald bereinigt werden. Gleichwohl sind die französisch-sowjetischen Beziehungen einer neuerlichen Belastung ausgesetzt. Die Moskau-Reise des französischen Präsidenten im Juni hatte kaum zu einer Verbesserung des seit jeher schlechten Verhältnisses zwischen französischen Sozialisten und sowjetischen Kommunisten beigetragen.

Bereits 1983 war ein illegal in Afghanistan tätiger Pariser Arzt von einem Kabuler Richter zu acht Jahren Haft verurteilt worden; wenig später wurde er entlassen. Nun rühren die französischen Journalisten eine resolute Pressekampagne für die Freilassung Abouchars. Vor die afghanische und sowjetische Botschaft zu Paris zogen 1500 Demonstranten – darunter auch der Chefredakteur von Le Monde. Seine Zeitung zitierte jüngst den sowjetischen Botschafter in Pakistan, der die französische Presse gewarnt hat: „Von nun an werden die Banditen (d. h. die afghanischen Rebellen) und die sie begleitenden angeblichen Journalisten umgebracht.“

Kein Zweifel, daß mit dem abschreckenden Urteil westliche Reporter entmutigt werden sollen, mit den Widerstandskämpfern nach Afghanistan einzureisen und über den blutigen Krieg zu berichten. Wirft doch die Nachrichtenagentur Tass Leuten wie Abouchar vor, sie betrieben „schamlose Desinformationen“.

Abouchar, Fernsehreporter von Antenne 2 durfte erst nach seinem „Prozeß“ – ein Anwalt stand ihm anscheinend nicht zur Seite – im Gefängnis von einem französischen Diplomaten besucht werden. Weder auf einer „Pressekonferenz“ im Kabuler Außenministerium noch in einem „Interview“ mit der sowjetischen Zeitung Iswestija ließ der couragierte Journalist ein selbstkritisches Wort fallen. Den anfänglich erhobenen Spionagevorwurf mußten die Afghanen ohnedies fallen lassen. Wird Abouchar bald freigelassen?

Selbst die Kommunistische Partei Frankreichs, die zu Beginn der Affäre eine überaus zweideutige Haltung eingenommen hatte, sah sich zu einem spektakulären Schritt genötigt, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren: Sie hat ihre Beziehungen zur Partei des Afghanen Babrak Karmal eingefroren, bis Abouchar wieder ein freier Mann ist. Roger de Weck (Paris)