Reagans Alter ist kein Wahlkampf-Thema mehr

Von Ulrich Schiller

Das Problem Walter Mondales heißt Ronald Reagan.“ Clark Clifford sagt das, einst Verteidigungsminister unter Präsident Johnson, heute ein würdevoller Washingtoner Rechtsanwalt. Clifford hat Jimmy Carter in der Stunde gefühlvoller Trennung von seinem Freund und Haushaltsdirektor Bert Lance beraten; jetzt steht er Mondale mit gelegentlichem Rat in Fragen der Außenpolitik bei. Wenige Stunden vor der zweiten Fernsehdebatte am Sonntag abend in Kansas City sah dieser erfahrene Beobachter voraus, daß es dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten trotz überzeugender Sachkenntnis nicht gelingen würde, Reagan eine wahlentscheidende Niederlage beizubringen. „Reagan hat eben die Moral im Lande wiederaufgerichtet. Er ist ein liebenswürdiger Präsident“, stellt Clifford – wie nach einer Entschuldigung suchend – fest.

Mit einer einzigen Bemerkung lieferte Ronald Reagan wenig später die Bestätigung. Es war der Satz, den die First Lady Nancy Reagan als den Schritt über die Schwelle zum Sieg bezeichnete, der den Anhängern des Präsidenten das Herz erwärmte, weil er ihr Idol mit Witz und Charme in gewohnter Form auswies. Befragt, ob er trotz seines Alters auch Streßsituationen gewachsen sei, erklärte Reagan genüßlich, auf diesen Augenblick sichtlich vorbereitet: „Auch ich werde das Alter nicht zum Thema dieses Wahlkampfes machen. Ich will für politische Zwecke nicht Jugend und Unerfahrenheit meines Opponenten ausschlachten.“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite. Selbst Mondale mußte lachen; er stand sonst nur ernst hinter seinem Pult, gezeichnet von Überanstrengung, mit schweren Tränensäcken unter den Augen.

Daß der Präsident in der Debatte wieder Humor bewies, war auch für zahllose Rundfunk- und Fernsehsendungen hinterher das überragende, wahrscheinlich wahlentscheidende, auf jeden Fall alle Schwächen zudeckende Ereignis. In dieser Veranstaltung ist „Performance“ wichtiger als Substanz. Eine Aufführung ist es in der Tat keine Debatte. Die steifen Regeln der Veranstalter, der Liga der weiblichen Wähler, verbieten den direkten Wortwechsel zwischen den Kontrahenten, erlauben es aber, unbequemen Fragen glatt auszuweichen. Etliche wichtige Dinge – es ging ja am Sonntag nur um Außenpolitik – wurden auch gar nicht angesprochen: Was zum Beispiel war von dem jüngsten Tschernjenko-Interview und dem modifizierten Gesprächsangebot zu halten? Westeuropa, Japan, China, die Verschuldung der Dritten Welt kamen überhaupt nicht zur Sprache. Und würden die Vereinigten Staaten langfristig ein sandinistisches Nicaragua, das seine Revolution nicht exportiert, tolerieren können?

Streit um CIA-Handbuch

Im Zusammenhang mit Nicaragua gab es freilich ein heißes Thema von großer Aktualität. Präsident Reagan bestritt nicht, daß ein CIA-Mann ein Guerilla-Handbuch für die Contras verfaßt habe, versicherte jedoch, bis auf wenige Ausnahmen seien aus allen Exemplaren diejenigen Seiten entfernt worden, auf denen Attentate und Terroristen-Taktik gegen sandinistische Politiker empfohlen wurden, entgegen seiner ausdrücklichen Order vom Jahre 1981. Eine Untersuchung sei im Gange; die Verantwortlichen sollen entfernt werden. Die Affäre um das Handbuch ist damit allerdings nicht abgeschlossen. Demokratische Kongreßabgeordnete fordern die Entlassung von CIA-Direktor Casey, weil sie nicht glauben, das Handbuch sei das Werk eines einzelnen CIA-Beraters gewesen. Senator Nunn weiß überdies zu berichten, daß selbst in den „bereinigten“ Exemplaren die Anweisung zur „Neutralisierung“ sandinistischer Funktionäre stehengeblieben sei. Hat der „geheime“ Krieg gegen Nicaragua etwa doch größere Ausmaße, als bisher bekannt ist?