Von Dietrich Strothmann

Angefangen hatte es 1947, im zerbombten Stuttgarter Hauptbahnhof. Dort wartete damals ein Pfarrer auf seinen Zug. Er traf dort auf viele Jungen und Mädchen, die ohne Eltern, ohne Hoffnungen und ohne Ziele waren. Sie suchten auf dem Bahnhof nichts als einen Platz für die Nacht. Da stellte sich der Pfarrer, der auf seinen Zug wartete, mitten unter die umherirrenden Jungen und Mädchen auf eine Holzkiste und redete innen angesichts all der Trümmer Mut zu. Und er redete den Älteren, die dort herumstanden, ins Gewissen: Helft ihnen! Gebt ihnen ein Zuhause.

Diese Stuttgarter Holzkiste war der Grundstein des Christlichen Jugenddorfwerkes und Pfarrer Arnold Dannemann sein Gründungsvater. Heute loben Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Bundesminister sein Werk. Heute übernimmt Franz Beckenbauer die Schirmherrschaft über seine Sportveranstaltungen, bedient sich die Bundesanstalt für Arbeit seiner Einrichtungen, sind seine Pionierleistungen einzigartig in der Welt. Heute werden in 120 Jugenddörfern von 3000 Mitarbeitern jährlich 4500 Jugendliche geschult und ausgebildet. Heute ist das Besondere des Jugenddorfwerks längst das Selbstverständliche, das Ungewöhnliche das Normale.

Christliches Jugenddorfwerk – schon einmal davon gehört? Umfragen kämen zu dem Ergebnis: Knapp zwei Prozent der Bevölkerung kennen diese Institution und wissen mit dem Namen etwas anzufangen. Weniger als ein Prozent aber nur wußte, was dort überhaupt gemacht wird.

Dies etwa: In Berlin wurde kürzlich ein Ausbildungshotel eröffnet, wo Jugendliche Kellner, Zimmermädchen, Koch oder Rezeptionist lernen. In Braunschweig werden an der Christopherusschule (so heißen die Gymnasien des Werkes) in Extraklassen Spitzenbegabte aus mittellosen Elternhäusern gefördert; dieses Jahr machte der erste „Eierkopf“-Jahrgang sein Abitur. In Westerholt bei Herten läuft seit 1980 ein Sonderprogramm für türkische Jugendliche wie auch, neuerdings, für arbeitslose Facharbeiter. In Homburg an der Saar leben Lernbehinderte und Körperbehinderte zusammen, um sich während der Schul- und Ausbildungszeit besser verstehen und einander helfen zu lernen. In Eckernförde bei Kiel fahren straffällig gewordene Jungen mit einem Schoner auf hohe See, um wieder Anschluß zu finden. In einer Schule werden asthmakranke Kinder unterrichtet, was es bisher nirgendwo gab, in einer anderen Schule diabeteskranke Jugendliche, die bis dahin Privatunterricht nehmen mußten. An einer Schule werden Manager, an einer anderen Ökowirte ausgebildet, in einer dritten jugendliche Alkoholiker therapiert, stehen ökologisches Bauen und Restaurationshandwerk auf dem Lehrprogramm. Und die neueste Errungenschaft des Jugenddorfwerkes, sein „jüngstes Baby“: An der Schule in Weierhof in der Pfalz wird als dritte Fremdsprache Japanisch unterrichtet.

„Dorf“ ist längst eine ungenaue. Bezeichnung für das Jugenddorfwerk. Seit von 1982 an auch immer mehr arbeitslose Facharbeiter dort entweder zu Elektronikern umgeschult oder für die jugendlichen Lehrlinge als Tutoren eingesetzt werden, stimmt ebenso das Beiwort „Jugend“ nicht mehr ganz. Und das Christliche im Namen? Es spielt eine Rolle, aber auch wer von Gott und der Bibel nicht viel hält oder gar nichts, muß nicht draußen vor der Tür des Christlichen Jugenddorfwerkes bleiben.

„Scheiß Jugenddorf!“ Einer hatte seine Gesellenprüfung im theoretischen Teil nicht bestanden und mit dieser Bemerkung seine Klamotten hingeschmissen. Nie wieder, hatte er zum Abschied seinem Lehrer gesagt, werde er zurückkommen, einen zweiten Anlauf machen und die theoretische Prüfung nachholen. Lange hörten die Ausbilder nichts mehr von ihm. Eines Tages war er dann doch wieder da, ging in sein altes Zimmer zurück, setzte sich an den Schreibtisch, fing an zu büffeln und zu pauken. Und er schaffte es. Seit zwei Jahren hat er einen Arbeitsplatz. Das ist eine alltägliche Geschichte aus einem der Jugenddörfer. Oder eine andere Geschichte: