Die Bundesrepublik ist mit dem Rücken zur Weimarer Republik gegründet worden. Bonn sollte – um abermals Fritz René Allemanns berühmte Formel zu variieren, Bonn sei nicht Weimar – nie mehr Weimar werden können. Das hat den Blick immer wieder zurück auf diesen ersten deutschen Demokratie-Versuch gelenkt. Aber die Fixierung auf sein Scheitern hat sich auch als Belastung erwiesen. Selten genug gewann die Geschichte dieser Republik im Kreuzfeuer des Streites darüber, was oder wer an ihrem schlimmen Ausgang schuld sei, einen Umriß, der den endlosen – und natürlich nie wirklich abschließbaren – Prozeß des Fragens und Grübelns gleichsam durch seine Plausibilität und Überzeugungskraft zu bannen in der Lage gewesen wäre.

Zu den Ausnahmen zählt die Studie, die Eschenburg 1963 unter dem Titel „Die improvisierte Demokratie“ veröffentlicht hat. Sie ist nun, zum achtzigsten Geburtstag des Autors, in überarbeiteter und erweiterter Fassung wieder erschienen:

Theodor Eschenburg: „Die Republik von Weimar. Beiträge zur Geschichte einer improvisierten Demokratie“; Piper Verlag, München 1984; 333 S., 16,80 DM.

Allerdings ist auch schwerlich ein Autor zu denken, der für dieses Thema geeigneter gewesen wäre. Eschenburg war Zeitgenosse, als Schüler, Student und junger Politik-Novize; auf historischen Photos kann man ihn, in der Nähe Stresemanns etwa, erkennen: schmal, hoch aufgeschossen, mit einem ernsten Jung-Männer-Gesicht. Er gehörte aber auch zu jenen, die die Erfahrung des Weimarer Scheiterns im Kreuz, die zweite deutsche Demokratie mit auf den Weg brachten und darüber wachten, daß sie nicht wieder ins Schlingern kam. Es ist, unbezweifelbar, ein Politikwissenschaftler, der dieses Buch geschrieben hat, aber er hat Politik nicht nur gelehrt, sondern miterlebt, miterlitten, durchaus auch entschlossen, mitzuwirken oder sich doch zumindest dieses Schauspiel aus der Nähe anzusehen. Die Republik von Weimar ist deshalb für ihn nicht nur ein Demonstrationsobjekt, an dem man lernen kann, wie man es nicht machen soll. Es ist eine Epoche, die ihre eigenen Schwer- und Fluchtpunkte hat; es ist, immer noch, auch seine Epoche.

Das Buch ist keine Geschichte von Weimar. Es versammelt Beiträge, Annäherungen, Eindrücke zu dieser Geschichte. Der älteste Aufsatz stammt von 1951, der jüngste, eine Skizze des Frankfurter gesellschaftlichen und politischen Milieus, aus dem Vorjahr. So immer von neuem, aus den verschiedensten Anlässen und den unterschiedlichen Perspektiven ansetzend, entsteht ein Bild Weimars von unprätentiöser Bestimmtheit und beträchtlicher Tiefenschärfe. Dabei beschreibt Eschenburg nüchtern, analysiert gelassen, resümiert ohne Knalleffekte. Aber es bleibt doch keinen Augenblick zweifelhaft, was für eine Fülle an Erfahrung, Reflexion und Einsicht hier am Werke ist – und in den Porträts des Bandes, dem des Prinzen Max von Baden oder der ungewöhnlich eindringlichen Studie über den katholischen Sozialreformer Carl Sonnenschein, bricht sich dann auch eine bemerkenswerte Fähigkeit zur anschaulichen Vergegenwärtigung Bahn. Das läßt es bedauern, daß in dieser Ausgabe das in der früheren Fassung enthaltene Porträt Gustav Stresemanns, Eschenburgs Mentor, fehlt.

Mit alledem demonstriert das Buch, was Eschenburg als Autor immer ausgezeichnet hat: Fakteneifer, der gelegentlich auch Trockenheit nicht scheut, immense Sachkenntnis, ein beherrschten Strich, kluges Urteil – und als Fond jene Präsenz einer breiten, unermüdlich frisch gehaltenen Gelehrsamkeit, die ihn nie in die Gefahr geraten ließ, eng, doktrinär oder langweilig zu werden. Hermann Rudolph