ZEIT: Herr Janßen, der Arbeitgeberverband hat der IG Metall vorgeworfen, sie sei bei der neuen Arbeitszeitregelung nicht vertragstreu. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

Janßen: Das ist eine völlig abwegige Behauptung. In bezug auf Vertragstreue wird sich die IG Metall von niemandem übertreffen lassen. Wir lassen nur nicht zu, daß man in die Tarifverträge etwas hineininterpretiert, was nicht drinsteht. Gesamtmetall tut so, als sei die Flexibilisierung verbindlich vorgeschrieben. Die tarifvertraglichen Vereinbarungen lassen die Flexibilisierung lediglich zu, und zwar dort, wo betriebliche Bedürfnisse sie erforderlich machen. Sonst geht das Gleichbehandlungsprinzip der Flexibilisierung vor.

ZEIT: Sie haben aber mehrfach erklärt, daß in den Betrieben einheitlich die 38,5-Stunden-Woche für alle durchgesetzt werden sollte.

Janßen: Ich habe nie etwas anderes gesagt als jetzt. Nur Böswillige können mich anders interpretieren. Ich sage zwar, und dabei bleibe ich auch, daß wir uns jetzt bemühen, möglichst in allen Betrieben die 38,5-Stunden-Woche für jeden durchzusetzen. Das ist unser Bestreben. Abweichungen davon werden die Ausnahme sein. Obwohl es anders im Vertrag steht, will Gesamtmetall die Ausnahme zur Regel machen.

ZEIT: Das Schulungsmaterial für Betriebsräte erweckt den Eindruck, als traue die IG Metall den Betriebsräten nicht zu, die Interessen der Betriebe und der Beschäftigten unter einen Hut zu bringen. Sind die Betriebsräte nicht Manns genug, den Tarifvertrag umzusetzen?

Janßen: Nun, es ist doch so, daß die Betriebsräte und die Gewerkschaften denselben Personenkreis vertreten. Die Betriebsräte kriegen von uns keine Vorgaben, die wir ihnen aufzwingen. Wir bieten unsere Hilfe an; die Betriebsräte wollen unsere Beratung. Wer kann die Betriebsräte besser beraten als die abschließende Gewerkschaft über das, was Sinn und Geist eines Tarifvertrages sind und wie er im Betrieb umzusetzen ist?

Im übrigen führen die Arbeitgeber selbst Betriebsräteschulungen zu den neuen Tarifverträgen durch. Da kann ich nur sagen: welch eine Schizophrenie. Den Gewerkschaften wird vorgeworfen, was die Arbeitgeber selbst tun. Tatsache ist auch, daß die Arbeitgeber auf ihre Mitgliedsfirmen erheblichen Druck ausüben. Sie haben wohl die Sorge, daß die meisten Firmen sonst die 38,5-Stunden-Woche für jeden realisieren.