Von Hans-Jürgen Heise

Carl Zuckmayer, der in jungen Jahren selber als Lyriker von beachtlichem Rang hervorgetreten ist, hat in Theodor Kramer die stärkste dichterische Begabung Österreichs seit Trakl erkannt. Um so befremdlicher ist es, daß man sich um diesen Autor in seiner Heimat nach dem Ende der Nazi-Zeit kaum gekümmert hat.

Zwar druckte man nach Kriegsende in Zeitungen und Zeitschriften Gedichte ab, 1946 konnten auch zwei Lyriksammlungen erscheinen, „Wien 1938 – Die grünen Kader“ und „Die untere Schenke“. Danach aber vergaß man den Dichter, der sich nicht entschließen konnte, zurückzukehren und der weiterhin im englischen Exil lebte.

1956 gelang es Michael Guttenbrunner, im Otto Müller Verlag in Salzburg einen Band mit Gedichten Kramers herauszubringen, eine Auswahl „Vom schwarzen Wein“. Doch schon das nächste Buch des alternden und kranken Dichters mußte in einem anderen Verlag erscheinen. Dann, nach abermaligem Verlagswechsel und nach zwei Auswahlbänden, die in der DDR veröffentlicht wurden (einen davon betreute Bernd Jentzsch in seiner Reihe „Poesiealbum“), nahm die Vagabondage ihren Fortgang: mit dem Nachdruck der 1943 in London erschienenen Kollektion „Verbannt aus Österreich“ durch den in Wien, Köln und Graz ansässigen Verlag Hermann Böhlaus.

Erst der (1983 publizierte) Auswahlband „Orgel aus Staub“ im Münchener Hanser Verlag verschaffte dem Werk als Ganzem wieder Ansehen. Dieser positive Effekt wird jetzt noch verstärkt durch den Wiener Europa Verlag, der endlich in nationaler Verantwortlichkeit damit beginnt, Theodor Kramers lyrisches Œuvre vorzulegen in einer auf drei Bände angelegten Ausgabe, von der Band 1 erschienen ist –

Theodor Kramer: „Gesammelte Gedichte in drei Bänden“; Band eins: Die im Druck veröffentlichten Gedichtsammlungen, herausgegeben von Erwin Chvojka; Europa Verlag, Wien 1984; 624 S., Subskriptionspreis 45,-DM. (Der Subskriptionspreis gilt bis zum Erscheinen des dritten Bandes, er liegt 20 Prozent unter dem endgültigen Ladenpreis und verpflichtet zur Abnahme aller drei Bände.)

Das Buch, attraktiv ausgestattet mit einem kurzen Vorwort von Bruno Kreisky, läßt erkennen, mit welcher Treue zu sich selber Theodor Kramer sein ganzes Leben hindurch auf dem Weg vorangeschritten ist, den er 1926 eingeschlagen hatte, im Jahr seines Durchbruchs zu einem eigenen Stil.