Von Ernst Hackl

Als das Wiener Volkstheater vor einem Jahr ein Stück von Richard Billinger zur Aufführung brachte, erwähnte es im Programmheft einen anderen, im Unterschied zum Blut-und-Boden-Dramatiker aus dem Gau Oberdonau weitgehend vergessenen Schriftsteller, Hugo Sonnenschein, der sich in seinen Gedichtbänden Sonka nannte. Billingers Ruf, so hieß es, habe bis heute unter einem „berüchtigten Irrtum“ zu leiden, dem nämlich, „ein Hitler rühmendes Gedicht im Völkischen Beobachter sei von ihm geschrieben, während es in Wirklichkeit paradoxerweise von dem tschechischen Autor Sonka stammte“.

In Wirklichkeit war, wie Karl-Markus Gauß, einer der Herausgeber des Auswahlbandes mit Gedichten von Hugo Sonnenschein (Sonka) dazu anmerkte, alles anders: „Sonka stand Billinger so nahe wie der Bestohlene dem Dieb.“ Aus einem Gedicht Sonkas, „Erde“, wurde 1933 flugs die „Deutsche Erde“, aus einem armen slowakischen Knecht ein „deutscher Knecht“ und aus „Iljitsch an der Wand“ – „Hitler an der Wand“. Ob Billinger selbst das Plagiat verfaßte oder nur ein eifriger Parteigenosse seinen Namen vor das Gedicht setzte, ist nebensächlich. Bezeichnender, daß Hugo Sonnenschein in der Literaturgeschichte nur so vorkommt: als der Bösewicht, dem man die Sünden anderer anlasten kann.

Wer war Sonka? „Ichgott, Geuse Einsam:/Judenjunge, Slowakenkind/Kulturbastard“ – so hat er sich selber charakterisiert. Ein Lyriker, der zumal in Österreich seiner langjährigen Wahlheimat, und in der ČSSR, auf deren Boden er geboren wurde und wo er starb, nicht vorkommt, als würden sein unruhiges Leben und seine aufrührerischen Gedichte auch heute noch, 31 Jahre nach seinem Tod, die Literaturhistoriker hier, die Machthaber dort aus der Fassung bringen. Ein Außenseiter aus Überzeugung, wenn man einer autobiographischen Skizze traut: „als Mensch ein Vagabund und Bastard, zwischen den Rassen, Kulturen und Klassen, ein Unwirklicher, Vaterlandsloser; seine Dichtung aber, die ihren Ursprung in schwarzer slowakischer Bauernerde hat, findet ihre Heimat in Wesen und Wunder deutscher Sprache.“

Hugo Sonnenschein, 1889 in der Kleinstadt Kyjov bei Brünn geboren, fühlte sich schon früh zu den Außenseitern seiner slowakischen Heimat, den Tagelöhnern, Zigeunern und armen Juden, hingezogen, ohne allerdings je in soziale Mitleidslyrik zu verfallen. „... und wir stehn und sind geduldig,/abgestumpft wie unsre Ochsen“, schrieb er über seine Landsleute und plädierte im frechen „Liedel vom Stilett“ für die direkte Aktion: „Ich bin ein radikaler Wicht/und handle in instinktiver Eile;/am Leib der Menschheit gefällt mir nicht/seit langem manche Eiterbeule.//Die Beulen nehmen überhand/und immer schmäler wird mein Bissen –/ich nehme mein Stilett zur Hand./Ich werd es gut zu führen wissen.“

Seine Offenheit läßt ahnen, warum dieser Autor bis heute vergessen blieb. Er war immer oppositionell, aus einer anarchistischen Haltung, und besaß zudem – was mindestens ebenso schwer wog – einen, wie die Herausgeber festhalten, „ausgesprochenen Hang dazu, sich auch in der Opposition wieder oppositionell zu verhalten“.

Jahrelang zog Sonnenschein durch mehrere europäische Staaten, ehe er sich 1913 in Wien niederließ. Als radikaler Pazifist wurde er im Ersten Weltkrieg mehrmals inhaftiert und war nach 1918, unbekümmert um weitere Gefängnisstrafen und um seine prekäre Existenz, in linksoppositionellen Gruppen tätig. 1921 war er Gründungsmitglied der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, geriet aber schon drei Jahre später mit der Partei in Konflikt, als er die von der „Komintern“ geforderte Abgrenzung gegen die Sozialdemokratie nicht mitmachen wollte. Als er gegen Trotzkijs Verbannung protestierte, wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Dieser Ausschluß verhinderte freilich nicht, daß man ihn, der als Geschäftsführer des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller in Österreich“ seit 1929 gegen Zensur und autoritäre Bestrebungen kämpfte und beim PEN-Kongreß in Dubrovnik als einziger österreichischer Vertreter gegen die Bücherverbrennungen auftrat, im März 1934 in die Tschechoslowakei abschob.