Von Manfred Sack

In den ersten vier Wochen hielt es der Bauherr Boockhoff in seinem neuen Haus niemals länger als eine Viertelstunde an einem Platz aus. Obwohl er es als Architekt doch in- und auswendig kennt, war es für ihn jetzt, da aus der Zeichnung ein Gebäude geworden war, auf einmal so neu und so voll von überraschenden Blicken, Durchblicken, perspektivischen Reizen, daß es ihn umhertrieb. Seinen Besucher führte er dann auch bald an den Punkt, von dem er sagt: „Seh’n Sie mal, von hier aus haben Sie den längsten Blick und durch das meiste Glas.“

Diese Stelle befindet sich da, wo der nach hinten ausgreifende Seitenflügel einen kleinen Schwenk um den Gartenhof macht und den Blick nach vorn eröffnet: über den Hof, durchs Wohnzimmer, weiter durch den Wintergarten in den Vorhof und auf den Wohnweg. Mit einem Fernglas würde es einem sogar gelingen, auch noch durch Nachbars Haus gegenüber nindurchzugucken. Aber das tut hier keiner, wohl weil sie samt und sonders (noch) keine Gardinen hinterm Glas haben, nur ein kleines bißchen hübschen Krimskrams und etwas Grünzeug. Diese Durchsichtigkeit hat nichts von einer holländisch-calvinistischen Moraldemonstration, sondern ist eher ein Zeichen von Sparsamkeit; wahrscheinlich hat für so etwas bloß noch keiner Zeit gehabt.

Und auf einmal sagt Frau Boockhoff, bevor sie die Schlafzimmertür zum Dach öffnet, auf das die flache klare Herbstsonne fiel: „Ah, das Gras ist wieder so schön grün.“ Es war, in den Tagen vorher, wohl schon ein wenig schlapp gewesen, jetzt glänzte es feucht. Doch ihre Bemerkung wäre nicht gefallen, wenn damit nur die Weide gemeint gewesen wäre, die sich weit hinüber bis zur Waldorfschule (die dieselben Architekten vorher gebaut hatten) dehnt. Hier war die Rede vom Gras, das auf den Dächern wächst, und tatsächlich gehören die grasbewachsenen Dächer zum augenfälligsten Charakteristikum dieser Siedlung.

Sie ist ein Musterbeispiel für den Vorsatz, um dessentwillen sich soeben auch ein Verein gebildet hat: nämlich Mensch, Umwelt und Geld auf die ersprießlichste Weise miteinander in Einklang zu bringen. Gründer dieser „Gesellschaft für soziales, ökologisches und wirtschaftliches Bauen“ sind fünf Architekturbüros, und alle fünf haben sich damit schon hervorgetan: Walter Mühlbauer und Herbert Demmel in München, Rolf Disch in Freiburg, dt 8 in Köln, Siegfried Zimmermann in Hamburg und, nicht zuletzt, Helmut Rentrop und Hermann Boockhoff in Hannover, die Architekten der Siedlung Lahrer Wiesen.

Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem mit ihrem Bau begonnen worden war, bekamen die beiden vom Bundeswohnungsbauminister einen Preis überreicht. Auch andere Häuser und Häusergruppen (gar nicht zufällig einige von den anderen Gesellschafts-Gründern) waren ausgezeichnet worden; die Siedlung Lahrer Wiesen im Nordosten von Hannover jedoch war unbestritten der Favorit dieses Bundeswettbewerbs.

Sein Ziel war herauszufinden, wie das am besten zu machen sei: unter Mitarbeit der Bauherren möglichst eng beieinander für so wenig Geld wie – möglich die (energie-)sparsamsten, jedoch architektonisch ansprucnvollsten Häuser zu bauen, in denen – auch das noch – mehrere Generationen einer Familie neben- und miteinander zu leben vermöchten, Eltern, Großeltern, Kinder, Kindeskinder. Die Siedlung Lahrer Wiesen ist der bisher wohl intelligenteste Versuch dieser Art – und ein Tip für den Wohnhausbau der Zukunft.