Im irakisch-iranischen Krieg kam es zu den blutigsten Kämpfen seit dem Frühjahr – an einem strategisch zweitrangigen Abschnitt der Front.

In den vier Jahren des Golfkrieges war am Mittelabschnitt der Kriegsfront nie viel geschehen: Das Bergland an der Grenze erschwert größere militärische Operationen. Ein kriegsentscheidender iranischer Durchbruch im Süden der Front, durch Sümpfe und Geröllwüsten, erschien hingegen lange Zeit möglich – bis die gewaltige Aufrüstung der irakischen Armee und Luftwaffe das Kräfteverhältnis zwischen den verfeindeten Staaten umkehrte.

Jetzt griffen die Iraner in den Bergen bei Saif Saad an. Die Propagandisten in Teheran verkündeten gewaltige Siege und die Einnahme der – wahrscheinlich letzten – irakischen Stellungen auf iranischem Territorium. Dann schlugen die Iraker zurück und stellten nach eigenen Angaben den alten Frontverlauf wieder her, während der iranische Rundfunk über 20 ausgebrannte irakische Panzer berichtete.

Stellungskrieg ohne Sinn? Im Rahmen der iranischen Strategie mag der Angriff im unwegsamen Mittelabschnitt der Front zwei Ziele verfolgt haben: Zum einen wollte die Teheraner Führung die irakische Armee möglicherweise vom Südabschnitt der Front ablenken. Würde Iraks Präsident Saddam Hussein einen großen Teil der im Süden konzentrierten 250 000 Soldaten in das neue Kampfgebiet werfen, könnten die iranischen Truppen vielleicht doch die immer wieder angekündigte und verschobene große Offensive gegen die irakische Hafenstadt Basra wagen.

Das andere denkbare Motiv: Die Teheraner Führung muß auf die monatelange Ankündigung neuer großer Offensiven Taten folgen lassen, und angesichts der erdrückenden Überlegenheit der Iraker hatte sie nur die Wahl zwischen einem gewaltigen Debakel bei einer Offensive im Süden und einem verkraftbaren Rückschlag bei einer Offensive im strategisch unwichtigen Mittelabschnitt der Front. Chomeinis Berater mögen sich für dieses geringere Übel entschieden haben, und der mächtige Parlamentspräsident Rafsandschani hat schon die entsprechende Parole ausgegeben: Im Krieg gegen den Irak komme es im Moment nicht auf große Siege an, sondern auf die "Festigung unserer Positionen". Hans Jakob Ginsburg