Ein Jahr nach der amerikanischen Landung auf Grenada wollen die meisten Bürger des kleinen Staates in der Karibik von Politik nichts mehr wissen.

Das Schild am winzigen Flughafen Pearls nimmt sich freundlich aus: „Grenada kennt kein Drogen- und Feuerwaffenproblem. Wir möchten diesen Zustand beibehalten. Wenn Ihre Zollabfertigung länger als üblich dauert, bitten wir Sie um Geduld.“ Aber Radio Grenada verbreitet abends den Aufruf: „Helft den Behörden, Gewehre und Explosivstoffe ausfindig zu machen. Für jede retournierte Waffe gibt es eine Belohnung von 264 Dollar.“

Ein Jahr nach der Invasion hat die Bevölkerung die Vergangenheit noch nicht bewältigt. Wenn es um die Ereignisse des vergangenen Herbstes geht, heißt es immer wieder: „I am confused“ – ich bin verwirrt. Über die „Massaker“, wie die Grenader das Blutbad vom 19. Oktober 1983 nennen, ist man sich zwar einig; der Putschist Bernard Coard und sein Handlanger Hudson Austin sind die meistgehaßten Männer im Lande. Doch darüber, wie diese Massaker passieren konnten, und über die Invasion der Amerikaner am 23. Oktober 1983 disputieren die Grenader unentwegt.

Tatsächlich wurde die Invasion vor einem Jahr von den meisten Grenadern begrüßt. Kenrick Radix, unter Bishop Justizminister und einer der drei Bishop-freundlichen Minister, die das Massaker überlebten, meinte: „Diese Erschießungen und die Ermordung des Premiers Maurice Bishop waren die schlimmsten Ereignisse für Grenada seit der Sklaverei. Wäre der leibhaftige Teufel und wären Wesen von einem fremden Stern bei uns gelandet, man hätte sie begrüßt, weil man damit diese Militärherrschaft loswurde.“

Noch immer stehen 700 Mann der karibischen Peace-keeping-Truppe und der Amerikaner auf der Insel. Die offizielle Erklärung, es handele sich um „Polizisten“, wird von den Männern, die Militäruniform und Waffe tragen, dementiert. „Wir sind Soldaten.“ Heute tauchen in den Straßen immer häufiger Slogans wie „Yankee go home“ auf, die dann bald wieder verschwinden – übermalt, abgewaschen oder mit Asphalt bedeckt werden.

Der Alltag fordert sein Recht, die Arbeitslosigkeit ist von 14 auf über 30 Prozent gestiegen, und die früher lebendige Hoffnung ist geschwunden. „Heute steht irgendwie alles still“, klagt Norbert, ein junger Mann aus dem Fischerdorf Gouyare. „Früher, ja früher war ja alles ein Experiment unter Maurice.“ Norberts Freund Michael stimmt nicht völlig zu: „Es gab eine Kehrseite. Opposition und Kritik konnte man nicht offen formulieren. Jeder mußte über die Schulter schauen, ob da nicht ein Soldat oder sonstwer zuhörte.“ Kenrick Radix urteilt noch härter: „Coard war ein Faschist, der sich gegen das Volk wandte. Er kleidete seinen Ehrgeiz in ultralinke Worte, es ging ihm aber nie um den Inhalt, sondern nur um die Macht.“ Bishop sei immer vor Coard gewarnt worden, doch der gutmütige Bishop habe seinem Schulfreund Coard zu sehr vertraut.

Linda, eine junge Frau mit einer kunstvoll geflochtenen Zöpfchenfrisur, die sie mit einem giftgrünen Plastikkamm garniert, umschreibt es ähnlich: „Maurice war so soft.“ Ja, Maurice, den hätten sie gewählt! „Zu dem hatten wir Vertrauen!“ Und dann, sinnierend: „Aber er machte einen Fehler: Hätte er doch nur Wahlen durchgeführt, wie er es versprochen hatte! Dann wäre er heute am Leben, und 90 Prozent der Grenader hätten ihn zum Premier gewählt!“ Bei den Wahlen am 3. Dezember gäbe es keine überzeugenden Kandidaten, meinte sie und rümpfte die Nase. Den alten Diktator Gairy wolle sie nicht wählen. Und Kenrick Radix? (Er ist Vorsitzender des „Maurice Bishop Patriotic Movements“.) „Gebt den Bishop-Nachfolgern eine Pause, die müssen zuerst ihre Vergangenheit bewältigen“, meint Linda. Und Herbert Blaize? (Er ist Kandidat der „New National Party“, die von den Vereinigten Staaten favorisiert wird.) Linda schüttelt den Kopf: „Das sind Schreibtischtäter, keine Leute, die auf der Straße uns überzeugen. Sie zuckt mit den Schultern: „Nach den Ereignissen vom Herbst 1983 habe ich die Nase voll von Politik. Ich jedenfalls werde nicht an die Urne gehen.“ Und so denken viele Grenader, zu viele wohl, um eine neue Demokratie zu schaffen.

Elisabeth Hörler (Saint George’s)