Von Rudi Hartmann

Happy Nagasaki Day. Alles Gute zum Jahrestag der Atombombe auf Nagasaki“ ruft der Redner auf dem Uni-Gelände seinen Zuhörern bitter-böse zu. Es bleibt ein vergeblicher Versuch, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ort der Handlung: Sproul Plaza, Universitäts-Campus in Berkeley, anno 1984. Die wenigen, meist jüngeren Zuhörer auf den Stufen, die zum klassizistisch nachempfundenen Verwaltungsgebäude hinaufführen, beobachten gelangweilt den Ausbruch des Redners. Seine Worte über Natur, Wissenschaft und Gesellschaft, die er aus einem Buch mit tragender Stimme vorliest, verhallen ungehört.

Vor 20 Jahren hatte hier in Berkeley die Studentenbewegung begonnen. Free Speech Movement hieß es anfangs, als Studenten der University of California‚ Berkeley, im Herbst 1964 gegen den Erlaß der Uni-Verwaltung protestierten, keine politischen Informationsstände auf dem Campus zuzulassen. Einige Studenten nahmen das Recht auf zivilen Ungehorsam in Anspruch und bauten einen Stand auf dem Verwaltungsgebäude auf. Es kam zu acht Verhaftungen und zu einer Rede, die Mario Savio am 1. Oktober vom Dach eines Polizei-Autos aus hielt.

Nach 20 Jahren erinnert man sich an die Ereignisse von damals und zieht Bilanz. Was hat Free Speech Movement die Studenten- und Protestbewegung, die Counterculture-Bewegung bewirkt? Eine Herbstwoche lang gibt es an der Universität Diskussionsveranstaltungen, Filme, Musik und eine Kundgebung.

Im Jahre 1984 ist Reagan bei vielen Studenten von Berkeley „in“, vor allem bei den Burschenschaften (den fraternities der Männer und den sororities der Frauen), die starken Zulauf auf dem Campus haben. Zwei „Schwestern“ unterhalten sich auf dem Weg zu Vorlesung. Die eine erklärt ihrer Begleiterin: „Ich bin für Reagan. Wenn Mondale gewählt wird, dann kann’s Krieg geben. Stell dir vor: Wenn Mondale Präsident ist und er stirbt, dann wird Ferraro Präsident. Sie ist eine Frau. Unerfahren in der Politik. Und dann gibt’s Krieg.“ Ein Passant, der das Gespräch am Rande mitbekommen hat, fragt erstaunt nach: „Hey, wie war das noch mal?“ Sie wiederholt: „... Ferraro ist ziemlich unerfahren.“ Der Passant unterbricht sie: „Ferraro hat viel, viel mehr Erfahrung als Reagan. Reagan war, bevor er gewählt wurde, nur Gouverneur hier in Kalifornien. Und auch jetzt blickt er nicht durch. Er hat keine Ahnung ...“ „Da bist du aber ganz schön allein mit deiner Meinung hier.“ „Iß Scheiße, Millionen von Fliegen können sich nicht irren, Schwester.“ „Ich bin nicht deine Schwester, du Blödmann.“ Und nach einer Pause fügt sie hinzu: „I am smarter than you, I am an engineer.“ Ich bin ein Ingenieur.

Die Ingenieur-Studentin weiß, was ihr Fach wert ist. Grund für ihren Stolz ist nicht nur der Umstand, daß Berkeley eine der besten Ingenieur/Technologie-Fakultäten des Landes aufweisen kann. Seit den sechziger Jahren hat sich die interne Rangordnung der Studienfächer in Berkeley beträchtlich verschoben. Nicht mehr Psychologie, Soziologie und Philosophie stehen oben auf der Liste. Es sind die Disziplinen mit den besseren Berufschancen: Ingenieur- und Naturwissenschaften beispielsweise. Und die Wirtschaftswissenschaften.

Was bringt das Studium (das in den USA schließlich eine Menge Geld kostet) de facto? How many bucks, wieviel Dollar sind drin, später? Ein potentieller Student aus Texas fragt beim Dekan der Wirtschaftswissenschaften in Berkeley an: Können Sie mir eine Liste derjenigen Studienabgänger Ihrer Fakultät zuschicken, die mindestens eine Million Dollar seit ihrem Studienabschluß verdienen, sowie eine mit den Namen, die im ersten Jahr danach ein jährliches Einkommen von 175 000 Dollar und mehr hatten?“