Von Reiner Luyken

Joy war schon zum fünfzehnten Mal dabei Sie lauschte den Ausführungen des Doktors mit der besserwisserischen Kennermiene einer Eingeweihten, die bereits mit seinem Vorgänger auf du und du gestanden ist. Falls er steckengeblieben wäre, hätte sie ihm ohne weiteres den nächsten Satz einflüstern können. Aber Doktor Willman geriet nicht ins Stocken, und seine zwei Dutzend Zuhörer verstanden ohne Schwierigkeiten, worum es ihm ging.

„Wenn Sie außerhalb Ihrer Unterkunft irgend jemandem begegnen, so lassen Sie ihn nicht näher als zehn Meter an sich herankommen. Halten Sie sich ein; Taschentuch vor die Nase und gehen Sie geschwind weiter. Es steht Ihnen frei, die Telephonzelle zwischen Block 3A und 4B zu benutzen. Halten Sie sich jedoch genau an die vorgeschriebene Prozedur Lassen Sie zwanzig Minuten nach dem Gespräch Ihres Vorgängers verstreichen. Sie können die Zeit von einer Uhr in der Zelle ablesen. Desinfizieren Sie den Hörer nach jedem Gespräch mit den dafür bereitgestellten Alkoholtupfern. Die Mahlzeiten werden Ihnen in einem Wärmecontainer vor die Tür gestellt. Lassen Sie dem Überbringer Zeit, sich zu entfernen, bevor Sie die Türe öffnen. Nur die Schwester Oberin und ich werden Ihre Unterkunft betreten, allerdings in Schutzmaske und Kittel. Ich möchte noch einmal betonen, daß unser Experiment nur dann gültige Ergebnisse liefern kann, wenn Sie sich peinlichst genau an diese einfachen Isolationsregeln halten.“

Wir – das sind die zwei Dutzend Uneingeweihten und die sachkundige Joy – hatten uns als Freiwillige für trial 895 einer seit bald vierzig Jahren laufenden Versuchsreihe der Abteilung für Erkältungskrankheiten des britischen medizinischen Forschungsrates (MRC) gemeldet, um uns als menschliche Versuchskaninchen mit einem bislang unbekannten Erkältungsvirus infizieren zu lassen.

Das Institut am Südrand von Salisbury in der englischen Grafschaft Wiltshire rief freilich sogleich ungute Vorstellungen in mir wach. Unweigerlich erinnert diese Ansammlung von Baracken und Nissenhütten, abgesetzt von der Stadt auf einem kahlen Hügel, an ein Gefangenenlager. Zudem gab mir die ungewöhnliche Anordnung der Unterkünfte zu denken: Sie schien rein strategischen Überlegungen Rechnung zu tragen – das heißt: der Verhinderung von Ausbruchsversuchen. An dem Stacheldrahtzaun, der das Gelände einfaßt, warnen etliche – glücklicherweise nach außen gekehrte – Schilder vor scharfen Hunden, die nachtsüber das Areal patrouillieren.

Nun gut. Das Harvard Hospital ist ein ehemaliges Kriegslazarett. Und der Doktor und die Schwestern machten ja alle einen sehr vertrauen erweckenden Eindruck Allerdings – musterte die Oberin mich nicht mit einem merkwürdig bohrenden Blick, als ich mich nur sehr zögernd zu einer Schirmbilduntersuchung bereiterklärte?

Ein Detail meiner Lebensgeschichte mag meinen Opfermut erklären: Mein Vater, ein Landarzt aus Oberbayern, hat an mir schon in zarten Kindheitsjahren Lebendexperimente durchgeführt, um seine Theorie zu untermauern, daß einer Erkältung, wie schlimm sie auch sei, mit Medizin, ja, mit der ärztlichen Kunst schlechthin nicht beizukommen sei. Ich mußte mich regelmäßig mit einem fröhlichen „’S wird schon wieder besser werden“ begnügen. So fühlte ich mich den Virusforschern in Salisbury allemal gewachsen.