Unspektakulär

„Der Auftrag“ von Parviz Sayyad ist ein Politthriller – unspektakulär und fern jeder Effektsucht, ein Politthriller, in dem dem Wort ebensoviel Gewicht gegeben wird wie dem Bild, wenn nicht gar mehr. Der Plot ist einfach: Der junge David Moslemi (Houshang Touzie), Parteigänger der iranischen Revolution, trifft in New York ein, wo er einen ehemaligen Diplomaten des Schahs töten soll. Der jedoch ist bereits Opfer eines Anschlags geworden. Der neue Auftrag für Moslemi: die Tötung eines Offiziers des Savak (Parviz Sayyad), jenes berüchtigten Geheimdienstes unter dem Schah-Regime, dem grauenvolle Folterungen nachgesagt werden. Daß Moslemi durch einen Zufall diesen Offizier kennenlernt und sich dessen Gastfreundschaft und Herzlichkeit nicht entziehen kann, gibt der Geschichte etwas im positiven Sinne Lehrstückhaftes. Sie wird zu einem Exkurs über Schein und Wirklichkeit. Moslemi erkennt mehr und mehr, daß er nur Werkzeug seiner Auftraggeber ist und der Revolution durch seine Tat letztlich nicht dient. Sayyad läßt seine Protagonisten temperamentvolle Streitgespräche führen, wobei die Verteidigung der Kunst, die Moslemi, ein dogmatischer Muslim, als Sünde abtut, am vehementesten verläuft. Der introvertierte Moslemi, der nach New York gekommen war, um für seine Ideale zu töten, erkennt schließlich die Vergeblichkeit seines Tuns. Auf dem Weg zurück in seine Heimat wird er Opfer des Regimes. Parviz Sayyad, der unter anderem Filme von Sohrab Shahid Saless („Stilles Leben“) produzierte, ist im Gegensatz zu seinem jungen Helden Realist. Nachdem Moslemi ermordet worden ist und der Film zu Ende sein könnte, fährt die Kamera wieder über Häuserfronten, die man schon zu Beginn des Films sah. Vor einem Haus hält – wie zu Beginn – ein Taxi, und ein junger Mann geht – wie zu Beginn – zögernd auf einen Hauseingang zu. Die Revolution kennt kein Erbarmen.

Anne Frederiksen

Symbolisch

„Wenn ich mich fürchte“ von Christian Rischert. Nach dem stimmigen Frauenporträt „Lena Rais“ handelt der neuste Film Rischerts von der Midlife-Crisis eines Mannes. Weil man die Probleme nicht einfach hinter sich lassen kann, endet sein Fluchtversuch nach Italien bereits kurz hinter München in einem schweren Verkehrsunfall. So sieht sich der Filmregisseur Robert Feldmann (Horst Buchholz, der für die Rolle den Bundesfilmpreis bekam) nach seiner Genesung stärker denn je in einer Identitätskrise. Seine Frau hat ihn verlassen, an seiner Egozentrik scheitert eine neue Liebesaffäre und die Verständigung mit seinem alten Schulfreund, der sich bei ihm in der Wohnung eingenistet hat. Auch die Arbeit an dem Filmprojekt, in dem er seine Biographie verarbeiten will, geht nur zögernd voran. Zu Schaffens- und Beziehungskrise kommt noch die Bedrohung durch „terrorisierende Technik“ und Überwachungsstaat. Bei dem Bemühen, die ganze Welt zu filmen, bleibt jedoch vieles an der Oberfläche. Ein Blick vom Olympiaturm auf das neblige München oder die bunten Monitore einer Fernsehrelaisstation drücken allein noch keine Einsamkeit und Entfremdung aus. Weil er der Ausdruckskraft seiner Bilder mißtraut, hilft sich Rischert mit Traumvisionen oder platter Symbolik, so wenn Robert trübsinnig die sinnlosen Freiübungen eines Spielzeughampelmannes betrachtet. Da hilft es auch nicht, daß der Film in einer Szene sein eigenes Dilemma thematisiert. Als Robert am Schneidetisch bei der Sichtung alten Dokumentarmaterials sein Elternhaus entdeckt, wendet die Cutterin ein: „Sehr gut ist die Ruine nicht. Da haben wir bessere, die wir als ihr Haus verkaufen können.“ Und Robert sagt: „Immer muß man die Wirklichkeit erfinden.“ Krischan Koch

Sehenswerte Filme

„Broadway Danny Rose“ von Woody Allen. „Tausend Augen“ von Hans-Christoph Blumenberg. „Picasso“ von Henri-Georges Clouzot. „Rumble Fish“ von Francis Ford Coppola. „Repo Man“ von Alex Cox. „Schiff der Träume“ von Federico Fellini. „Rembetico“ von Costas Ferris. „Trost“ von Serif Gören. „Wo die grünen Ameisen träumen“ von Werner Herzog. „Unter dem Vulkan“ von John Huston (siehe Seite 65). „Das Autogramm“ von Peter Lilienthal (siehe Seite 64). „Der süße Wahn“ von Claude Miller. „Die letzte Runde“ von Peter Patzak. „Klassenverhältnisse“ von Jean-Marie Straub.