Von Wolfgang Boller

Die Bar Bosch ist die Mitte vieler kleiner Welten. Sie liegt auf dem Schnittpunkt extremer Lebenskreise, die das Schicksal im Winkel des 40. Breiten- und 4. Längengrads gleich einem Kartenspiel zusammenrafft, zinkt, mischt und wieder verteilt. Die Bar, geöffnet von sieben Uhr am Morgen bis nachts um drei, ist ein Straßencafe an der Plaza Pio XII. wo die Inselhauptstadt Palma de Mallorca tagsüber am meisten lärmt und stinkt. Danach fragt der Kartenspieler nicht. Vor der Bar Bosch (sprich: Bosk) münden die unsichtbaren Korridore von Ferienalltag und Ladenschluß, hier sind die gläsernen Wände zwischen der Choreographie von Spaßvergnügen und Metier aufgehoben. An wackligen Tischen sitzen in der Haltung wahrer Herren mallorquiner Grundstücksspekulanten, Geldwechsler, Polizeipräfekten und Rauschgifthändler neben einheitlich verkleideten Ausländern, die den Unterschied zwischen Bar und Biergarten gemeinhin ignorieren. In den definierten Freigehegen am Strand verlangen sie rundheraus den Strammen Max. In der Bar Bosch bitten sie artig um ein passendes Getränk, nicht einmal Sangria, sondern: „Un vaso di vino, por favor.“

Die verkehrsumtoste Insel auf der Insel, die überraschende Gemeinsamkeit jenseits trennscharfer Leitlinien sind die Ausnahme, weil selbst im internationalen Palma die kleinen Welten ihre eigenen Zentren und Rituale haben, die so deckungsgleich sind wie die Ekstasen einer Corrida und eines Betriebsausflugs. Hier die Callede Apuntadores mit 20 Folklorekneipen auf 200 laufenden Metern, mit Meisterdieben und amerikanischer Militärpolizei, parallel dazu die schweigende Calle de la Gloria mit den Schritten eines spät heimkehrenden Omnibusschaffners – ein Gäßcnen aus einer anderen Welt. Oder dort der Stadtteil Terreno mit seinen sündteuren Billiglokalen und mitten darin, in der Abgeschiedenheit eines exotischen Gartens über dem Paseo Maritimo, das Luxushotel „Victoria“ mit dem schönsten Blick auf die Bucht von Palma – alles Mittelpunkte kleiner Welten: die Rambla mit Blumenständen und Steinbänken, die Plaza Gomila mit ihren Musickonserven und süchtigen Erwartungen, die Plaza Mayor im vierten Stock der Touristenstadt Palma, ein Dutzend Cafés oder ein einziges mit einer Kulisse aus Arkaden und geschlossenen Fensterläden gleich einer Bühnendekoration für „Don Gil von den grünen Hosen“.

Das haben die grundsätzlich unbeirrbaren Liebhaber dieser Insel mit unerträglichen Besserwissermienen ja immer behauptet: daß das Goldkind der Traumhändler an den äußersten Rändern angekratzt und wohl auch beschädigt, in seiner ganzen Herrlichkeit und Schönheit jedoch immer noch unberührt sei oder doch so gut wie – ein Eiland für Entdecker, Historiker und Ethnologen, für Mietwagenabenteurer, Verliebte und Gourmets. Ein europäisches Massenpublikum, zugegeben, hätte sich dort seine Ferienkolonien geschaffen, die reiselustigen Briten in Palma Nova, Magaluf und Santa Ponsa, deren Küstenstriche daher Wallyland genannt würden; die heimatverbundenen Deutschen in Porto Cristo und Cala Ratjada sowie in Paguera und El Arenal, das überhaupt, Sommer wie Winter, Tummelplatz der Nationen und im Spanischen ein Synonym für Abscheulichkeit sei. Darüber hinaus hätten die verschiedensten Neigungen und Temperamente ihre Plätze mit dem jeweiligen Mittelpunkt kleiner Welten: die Nackten an der Playa des Trench, die Frommen bei der Schwarzen Madonna von Lluc, die Tanzwütigen in den Diskotheken von Terreno, die Menschenscheuen in der Windmühlenebene von Sant Jordi, die Gebildeten in Valldemosa auf den Spuren von George Sand und Chopin, die Gefräßigen in Colonia de Sant Jordi, wo’s die beste Paella, in Genova, wo’s das würzigste Pa amb Oli („Pamboli“: Brot mit Olivenöl und Serrano-Schinken) gibt, oder bei dem dekorierten Kochkünstler Pedro in Andraitx, dessen Adresse nur unter dem Siegel strengster Vertraulichkeit weitergeflüstert wird, auch wenn er an Ort und Stelle kaum zu übersehen, ist.

Zweimal Mallorca

Man sieht schon: Den Liebhabern zufolge gibt es ein Mallorca der einfältigen Touristen, die sich tagsüber am Strand von Arenal das Fell verbrennen und abends in den getürkten Kellerlöchern von La Portella vollaufen lassen, und es gibt ein Mallorca der Verfallenen. Das sind die Wahlmallorquiner um jeden Preis, darunter schätzungsweise 2000 bis 3000 Deutsche. Das sind die Appartementbesitzer in der Isolation ihrer Wohnschachteln, die verwöhnten Müßiggänger in den Hotelsuiten der Luxusklasse, die silberhaarigen, ledergegerbten Zugvögel, die Poeten, Wanderer, Naturschwärmer und intellektuellen Mystiker, die vom leuchtenden Blau des Himmels und dem honigfarbenen Glanz der Kathedrale gleich einem neuen Jerusalem den Blick nicht wenden und allzeit ihren „Vigoleis“ zitieren können. Die Calle de Soledad ist ein Ziel ihrer Wallfahrten, der Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“, von Albert Vigoleis Thelen ihre zitatreiche Bibel: „Auf dem spanischen Lebenswege des Vigoleis wurde sie die erste Anlände.“

Das also sind die vielen kleinen Welten von Mallorca. Den Künstlern ihr Deyá, den Schwärmern ihren Puig de Calvari in Pollensa mit soviel Treppenstufen, wie das Jahr Tage hat, den Reichen ihr „Formentor“, den Rentnern ihr „Riu“, den Royalisten ihren Juan Carlos, den Marktbummlern ihr Sineu, den Philosophen ihren Ramon Llull, den Hungrigen ihre Bauernsuppen mit Olivenöl, Gemüse, Schweinefleisch und Brotbrocken, allen übrigen die Buchten von Palma, Pollensa und Alcudi. Dies ist das eine Mallorca, jenes sind die anderen. So haben’s die Liebhaber gesehen und beflissen auseinanderdividiert, weil sie nicht wahrhaben wollten, daß sie einer Passion huldigen, an der sich die Touristenindustrie gemästet, die Handlanger zu Millionären und Schuhputzer zu Hotelkettenbesitzern gemacht hat. Die Vielfalt der Insel, ihr Reichtum an Schönheit, Kontrasten und Stimmungen und die Ferienlaunen ihrer Gäste haben ihnen sogar recht gegeben. Und doch gibt es dieses andere Mallorca nicht. Es wäre denn so wahr und verrückt wie der Zufall, der schon einmal das Wiegenfest einer zweitbeheimateten, durchaus wohlgelittenen Frankfurterin und die Fiesta des Dorfs auf denselben Tag fallen ließ. Das Dorf und die Gäste feierten beides in einem. Böllerschüsse begrüßten die Fremden, und das Geburtstagsständchen ertönte auch für die Bauern.