Dies gehört schon zur tristen Fernsehgeschichte: Ein Jahr lang haben bei der ARD mit Donner und Blitzschlag die Berge gekreißt – und heraus kam eine spitznasige Eins. Ansonsten bleibt beim Ersten erst mal alles beim alten. Aus der großmäulig propagierten Programmstruktur – Vorverlegung der Tagesschau – ist nichts geworden.

Doch wer glaubt, die professionellen Programmingenieure hätten darob ihre Arbeit eingestellt, der irrt. Die neun ARD-Intendanten, zerstritten, verwirrt und paralysiert, haben in einem matten Versuch, das Gesicht zu wahren, der Riege der Zweitoberen – den Programmdirektoren – wiederum Fleißarbeiten aufgetragen. Sie sollen, ausgehend von der Zementierung der Tagesschau um 20 Uhr, doch noch ein kleines Strukturmodell ausbaldowern.

Es wird also weiter an der Schale herumgeklopft mit dem bisher einzigen Ergebnis, daß die Journalisten in der ARD das Wort „Struktur“ schon nicht mehr hören können und immer stärker von bitterer Resignation ergriffen werden. Aber wen kümmert das? Das Planungsdebakel der letzten Monate hat deutlich gemacht: längst sind hinter den Kulissen des Fernsehens die Programmadministratoren und Reißbrettplaner offenbar wichtiger geworden als die Macher. Über Strukturen wird andauernd lang diskutiert, über Placierungen und die Verteilung von Programmkästchen brechen Glaubenskriege aus, aber von Inhalten wird in den oberen Etagen kaum noch gesprochen.

Das Programm ist Ware geworden, und so geht’s bei den Planungsstrategen zu wie im Krämerladen: Schublade auf, Schublade zu. Wie weit sie sich von den Inhalten entfernt haben, zeigt die Fachsprache, der sie sich bedienen. Da ist von „Leisten“ die Rede – das sind zugleich Plätze, die „durchgezogen“ werden, wie zum Beispiel die Tagesthemen. Da stehen sie denn, die Direktoren, an ihren Strukturstaffeleien und pinseln hin und pinseln her, wie der bayerische Fernsehdirektor Helmut Oeller, ein unverwüstlicher Seminarist, der stets in einem Ozean von Worten rudert, oder Hans Heiner Bolte, der Alleswisser vom ZDF, durch seinen vertrauten Gönner, den Mainzer Ministerpräsidenten Vogel dem Stuttgarter Sender als Fernsehchef erfolgreich angedient, ein kleiner Allzuschnelldenker der ARD, der den Argumentationsfaden schon deswegen nie verliert, weil er ihn gar nicht erst aufnimmt. Und mit und neben ihm noch die anderen Entscheidungsfiguren: ein Schulmeister aus Frankfurt, ein Schweiger aus Baden-Baden, ein Theoretiker aus Berlin, ein Referententyp aus Bremen.

Sie alle tänzeln um das Krankenbett des Programms. Und sie verstehen sich auf eins: auf das rigorose Eingipsen, auf das Ruhigstellen durch Verminderung der Beweglichkeit.

Deswegen haben sie es mit den „Leisten“ und mit den Kästchen, mit den „Feldern“ und natürlich immer wieder mit den „Blöcken“. Sie haben es auch mit Programmfarben, sie reden in „Reihen“, die „familienfreundlich sein sollen (was, bitte, ist familienfeindlich?), sie sprechen von „großer Unterhaltung“, die der „kleinen“ wohl übergeordnet ist, sie sprechen von der „leichten Reportage“, die offenbar ihre schwere Schwester hinter sich lassen soll.

Eine Fülle von leeren Begriffen, die Sprache der Mechaniker hat sich selbstständig gemacht und sich im Nebelhaften verloren. Es wäre an der Zeit, daß beim Fernsehen die Leute „mit den Kästchen im Kopf“ auf ihre eingezwirbelten Strukturfelder abgestellt werden und statt dessen die Einfallsreichen, denen Bilder und Texte wichtiger sind als Rahmenkonditionen, wieder das Programm bestimmen. Denn mit dem Rechenschieber läßt sich zwar das komplizierteste Sendegerüst aufs Papier bringen, aber noch lange kein interessantes Programm auf den Bildschirm. Telebiss