Die ehrenwerte Gesellschaft am Rhein: Wird Bonn doch Weimar?

Von Theo Sommer

"Dieses Land ist nicht in Ordnung"

Rainer Barzel, 1979

Die Frage ist: Wer eigentlich beschwört die Gefahr herauf, daß aus Bonn am Ende doch Weimar wird? Wer untergräbt die Moral des westdeutschen Gemeinwesens? Wer ist schuld an der Verrottung unserer politischen Klasse?

Die Union macht es sich einfach: Die Grünen sind die Bösewichter. Ihnen werden jetzt "Nazi-Methoden" unterstellt; die Absicht, das System zu stürzen; eine strategisch elegante Kampagne zur Zerstörung der Demokratie. Das freilich ist aufgelegter Unsinn. Die Grünen sind eine chaotische Bewegung. Ihre konkreten wirtschaftspolitischen und außenpolitischen Vorstellungen entbehren weithin der Überzeugungskraft. Sie leben mehr aus den Fehlleistungen der Etablierten als aus der eigenen Substanz.Aber ihr Feldzug gegen die Verschmutzung unserer Umwelt und den Verfall der politischen Sitten im Lande findet Beifall bei immer mehr Bürgern. Nicht die Grünen sind der Skandal, es ist die schamlos dickfellige Selbstbedienungsmentalität jener, die unsere Demokratie zu repräsentieren vorgeben.

Seit zwei Jahren wird die Öffentlichkeit von immer neuen Einzelheiten über den großangelegten Versuch des Flick-Konzerns in Atem gehauen, sich die Gefügigkeit, ja Botmäßigkeit von Parteien und Politikern mit barem Geld zu erkaufen – zum Teil unversteuertem Geld aus "schwarzen Kassen". Solche Rundum-Zuwendungen an alle zur Förderung der eigenen Geschäftsinteressen entsprechen ganz der Tradition des Hauses; hier liegt auch die wirkliche Verbindung zur Weimarer Republik. So hat sich Flick schon zu Brünings Zeiten saniert, als er in der Weltwirtschaftskrise den Staat dazu brachte, ihm seine Gelsenberg-Aktien abzukaufen. Und genauso handelte Flicks Hausmeier Eberhard von Brauchitsch, als er sich in den siebziger Jahren mit weitgestreuten Zahlungen bestimmenden Einfluß zu verschaffen trachtete.