Von Gerd Hansen

Mit der Verleihung des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an den Briten Sir Richard Stone würdigt die Schwedische Akademie der Wissenschaften Forschungen, die bereits Jahrzehnte zurückliegen und deren außerordentlicher Nutzen bereits seit langem feststeht. Der Preis für Richard Stone wird mit dessen „bahnbrechenden Leistungen auf dem Gebiet der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung begründet, durch die für die empirische Wirtschaftsordnung ebenso eine neue Grundlage geschaffen wurde wie für internationale Wirtschaftsvergleiche.

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist ein aufeinander abgestimmtes Buchungssystem der Einnahmen und Ausgaben für die wichtigsten Sektoren der Volkswirtschaft, nämlich für Unternehmen, private Haushalte und den Staat. Gleichzeitig werden auch die Transaktionen dieser Sektoren mit dem Ausland erfaßt. Dabei werden alle Einnahmen und Ausgaben auch in konstanten Preisen dargestellt, um eine inflationäre Aufblähung der Geldströme zu eliminieren. Ähnlich wie in der Gewinn- und Verlustrechnung eines einzelnen Unternehmens werden auf diese Weise die Leistungen und Aufwendungen der drei Sektoren und der gesamten Volkswirtschaft dargestellt. Diese Angaben dienen unter anderem dazu, die Höhe des Wirtschaftswachstums und des Leistungsüberschusses beziehungsweise des Leistungsdefizits gegenüber dem Ausland zu messen.

Stones Verdienst ist es, als erster ein Konzept der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entwickelt und für Großbritannien eine solche Rechnung durchgeführt zu haben. Außerdem hat er im Rahmen der OECD und der Vereinten Nationen die Konstruktion eines international standardisierten Rechnungssystems vorangetrieben. Es ging dabei insbesondere darum, einen tragfähigen Kompromiß zwischen einer wünschenswerten und einer statistisch durchführbaren Messung zu finden.

So ist zum Beispiel das jährliche Einkommen privater Haushalte eigentlich der Betrag, der im Laufe eines Jahres ausgegeben werden könnte, ohne daß das Vermögen sich gegenüber dem Jahresumfang verändert. Eine solche Größe ist aber wegen der schwierigen Bewertung privater Vermögensbestände statistisch nicht meßbar. Die tatsächlich gemessene Größe sollte jedoch möglichst wenig von der Idealgröße abweichen, da die beabsichtigten Aussagen über die Realität sonst unmöglich sind. Es ist das Verdienst Stones, eine theoretische Basis für die Messungen im Rahmen der Gesamtrechnung geliefert zu haben.

Die Tatsache, daß für die wichtigsten Länder heute ein einheitliches System der Gesamtrechnung vorliegt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die zur Auffüllung des Kontensystems verwendeten statistischen Daten nach wie vor auf Grund institutioneller Unterschiede von Land zu Land divergieren. Dies gilt insbesondere zwischen westlichen Marktwirtschaften und den östlichen Planwirtschaften. Die Bemühungen Stones um eine Vereinheitlichung der Rechensysteme werden auch heute in den entsprechenden Kommissionen der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft fortgesetzt.

Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung bildet vor allem die empirische Grundlage für alle Vorausschätzungen der wirtschaftlichen Entwicklung, wie sie in der Bundesrepublik unter anderem im Jahreswirtschaftsbericht, im Gutachten des Sachverständigenrates und in der in dieser Woche aktuell vorgelegten Gemeinschaftsprognose der Forschungsinstitute gegeben sind.