Jahrelang faszinierte das „schwedische Modell“ ausländische Beobachter, wurde der dänische Sozialstaat je nach politischem Standort bestaunt oder verdammt Doch während heute beide Länder unter dem „Kater nach dem Wohlfahrtsrausch“ leiden, präsentiert sich das weniger experimentierfreudige Finnland in einer soliden ökonomischen Verfassung.

Welches Land ist das? Es wird in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent erreichen und brachte es im Durchschnitt der schwierigen Jahre 1974 bis 1983 mit 2,8 Prozent auf einen Spitzenplatz unter den westlichen Industriestaaten; die Zahl der Arbeitslosen geht zurück und liegt derzeit nur wenig über fünf Prozent; die Staatsverschuldung ist gering und wird weiter abgebaut; die durchschnittliche Steuerlast ist deutlich unter der anderer Industrieländer; selbst die Vertreter der Schiffsbauindustrie sehen keinen Anlaß zu klagen; Probleme mit Gastarbeitern sind unbekannt; der Gesamtexport im ersten Halbjahr 1984 konnte um 16 und die Ausfuhren in die Bundesrepublik um fast dreißig Prozent gesteigert werden.

Und in welchem Land kommt es heute noch vor, daß der Chef des führenden Industrieunternehmens bei der Frage nach seinen größten Sorgen nicht auf die Regierung und die Gewerkschaften schimpft, weder über zu hohe Löhne und Steuern klagt noch auf die lähmende Wirkung einer übermächtigen Bürokratie hinweist, sondern nach einigem Grübeln nur auf ein paar Probleme von zweitrangiger Bedeutung kommt?

Ausnahmsweise muß niemand fernöstliche Landkarten zu Hilfe nehmen, um dieses Rätsel zu lösen. Bei dem Land, von dem die Rede ist, handelt es sich nämlich um einen unserer kleinen nördlichen Nachbarn: Finnland.

Die Republik im hohen Norden Europas galt lange Zeit als Nachzügler unter den westlichen Industrienationen. Es hat etwas länger gedauert als bei den Nachbarländern, bis sich die dünn bevölkerte Republik, die zu einem Drittel hinter dem Polarkreis liegt, von ihrer bäuerlichen Vergangenheit lösen konnte. Aber dies ist wenigstens zum Teil dann auch eine Erklärung dafür, warum die Finnen einige der Fehler vermieden haben, unter deren Folgen die meisten anderen hochentwickelten Staaten heute leiden.

Deshalb fällt Kari Kairamo, dem Vorstandsvorsitzenden des Nokia-Konzerns, die Antwort auf die Frage nach den Gründen für das finnische Wirtschaftswunder auch sehr viel leichter als eine Aufzählung der Probleme: Weil die Regierung alte Industrien nicht subventioniert – und selbst von den Gewerkschaften nicht dazu gedrängt wird –, hat sich die Wirtschaft des Landes rascher umstrukturiert und den Veränderungen am Weltmarkt angepaßt. Die finnische Wirtschaft ist sehr offen und liberal, Protektionismus kann sich das Land ebensowenig leisten wie eine aufgeblähte Bürokratie. Regierung und Unternehmen arbeiten nicht gegen-, sondern miteinander. Das wird natürlich dadurch erleichtert, daß sich in einem Land mit knapp fünf Millionen Einwohnern viele Probleme durch „unbürokratische, persönliche Kontakte klären lassen“ statt die Austragung von Konflikten großen Organisationen zu überlassen, die öffentlich aufeinanderprallen. Kairamo findet deshalb auch nichts dabei, den Gewerkschaften seines Landes zu bescheinigen, daß sie eigentlich „ganz vernünftig und realistisch sind“.