Ob Aachen ohne seine Studenten und Kneipen wirklich noch so langweilig wäre, wie einst Heinrich Heine in seinem Wintermärchen das Nest an der Grenze beschrieben hatte, darüber kann natürlich heute nur noch spekuliert werden. Jedenfalls behauptet das schon immer Charly, der Wirt vom „Leierkasten“ am Büchel.

Ab und an legt er eine Schallplatte mit Heines Epos auf und hört dann mit seinen Gästen genüßlich zu, wie der Sprecher zitiert ... „zu Aachen langweilen sich auf der Straß, / Die Hunde, sie flehn untertänig: / Gib uns einen Fußtritt, Fremdling, das wird / vielleicht uns zerstreuen ein wenig ...“

Nein, Charly ist kein Lokalpatriot. Aber er ist ein Original, und sein „Leierkasten“ steht seit siebzehn Jahren in Aachens Studentenkneipen-Szene ganz obenan. Inzwischen kommt bereits die zveite Generation, kommt Papa Studiosus a. D. mit Sohnemann und Tochter, um ihnen zu zeigen, wo er die Mama kennengelernt hat.

Charly, seinen richtigen Namen Hans Georg Schumacher kennt fast niemand, ist in seinem „Leierkasten“ Männlein für alles, mal Ehestifter, wenn’s nicht klappt, auch Seelentröster. Er ist Alleinunterhalter, legt – meist lädierte – Platten von Degenhardt, Wader, Wecker und anderen Aufsässigen auf die „alte Hobel“ und führt ab und an durch sein Kneipenmuseum: „Liebe Leierkastenkinder, liebe Schmuddelkinder, auf der Theke steht links Königin Luise in Gips ...“ Die einzelnen Exponate, ganz Unverdrossene haben bereits bis zu 890 gezählt und dann aufgegeben, staubt Charly persönlich ab. Manchmal wurde er auch zum Handwerker, wenn es im „Leierkasten“ mal wieder gebrannt hatte und Charly „warm renovierte“, wie seine Gäste ungeniert feststellten.

Sein Verhältnis zur Obrigkeit sei leicht gestört, betont er ab und an in seinen Reden fürs Kneipenvolk. Dabei schimpft er auf Verwaltung und Kirche, die es im Schatten des Domes auf sein Oberlicht abgesehen haben, des daraus hervorschallenden Lärmes wegen. Das drittälteste Haus der Staat ist nun einmal nicht so lärmisoliert wie der moderne Betonklotz gegenüber. Und seine Gäste auf der Balustrade mag Charly auch nicht wieder immerzu auffordern, ihre Stimmung doch, bitte schön, etwas zu drosseln.

Willi Bremkes