Eine gewisse Vorahnung hatten Georges Köhler und Cesar Milstein schon damals. Denn die beiden Immunologen beendeten ihren Forschungsbericht vom 7. August 1975 im britischen Facnblatt Nature mit dem Hinweis, daß ihre neuen Zellkulturen „nützlich für den medizinischen und industriellen Gebrauch sein könnten“.

Sie sollten recht behalten: Die von ihren Zellkulturen produzierten „monoklonalen Antikörper“ erwiesen sich als nützlich, ja, sie lösten eine medizinische Revolution aus. Letzte Woche erhielten der Deutsche Köhler, 38, der in Argentinien geborene Brite Milstein, 57, und der Däne Niels Kaj Jerne, 73, zu gleichen Teilen den mit rund 577 000 Mark dotierten Nobelpreis für Physiologie und Medizin 1984 (ein Bericht über Köhler erschien in der ZEIT Nr. 43 auf Seite 2).

Der diesjährige Medizin-Nobelpreis honoriert eine Entdeckung mit großem, noch nicht abzuschätzendem Nutzen für kranke Menschen: Köhler und Milstein lösten eine Revolution auf Raten aus. Der Kern ihrer Idee ist recht einfach. Die Anwendung des vergleichsweise simplen Prinzips in den -zigtausend denkbaren Einsatzbereichen ist freilich ungeheuer aufwendig. Und außerdem gibt es beim Einsatz der kurz „Monoclonals“ genannten immunologischen „Wunderwaffen“ im menschlichen Körper noch schwerwiegende Probleme zu bewältigen. Einige Stichworte zum Stand der Monoclonal-Revolution:

Prinzip. Für vielzellige Organismen wie den menschlichen Körper ist die Unterscheidung zwischen „eigen“ und „fremd“ überlebenswichtig. Unser Immunsystem vermag mehr als eine Million „fremde“ Substanzen im Körper zu erkennen und zu bekämpfen. Meist handelt es sich dabei um Eiweißkörper in der äußeren Hülle von Viren und Bakterien; die „Immunantwort“ kann aber auch gegen ein verpflanztes Organ gerichtet sein (genauer: gegen die Eiweißstrukturen auf den Membranen der fremden Zellen). Für jeden speziellen Fremdkörper, „Antigen“ genannt, fertigt das Immunsystem einen speziellen Antikörper an. Er bekämpft den Eindringling oder markiert ihn zumindest für besondere Abwehrzellen, die ihn dann unschädlich machen. Die Abwehr des Körpers geschieht stets an verschiedenen Fronten mit unterschiedlichen Antikörpern, in der Fachsprache „polyclonal“ genannt.

Köhlers Idee war es, eine spezielle, „B-Zelle“ genannte Abwehrzelle des Immunsystems (sie zählt zu den weißen Blutkörperchen und stammt aus der Milz) gegen ein „Antigen“ scharf zu machen und sie dann, zweiter Schritt, im Labor mit einer bestimmten Krebs-(Myelom-)Zelle zu vereinigen. Die entstandene Schimäre erbte von der B-Zelle die Eigenschaft, einen ganz bestimmten Antikörper herzustellen, und von der Krebszelle gleichsam die Unsterblichkeit: Diese „Hybridomas“ können sich, ganz nach Tumorart, auch in Zellkulturen unbegrenzt vermehren. Ihre identischen Nachkommen („Klone“) sondern stets ein und denselben Antikörper ab – eben einen „monoclonalen Antikörper“.

Anwendungsbereiche. Monoclonals können im Prinzip zur Diagnose und womöglich auch zur Therapie aller Krankheiten eingesetzt werden, bei denen natürlicherweise das Immunsystem eine Rolle spielt oder bei denen der Stoffwechsel entgleist – also bei Infektionskrankheiten und Krebs, Hormonstörungen, Allergien und Organverpflanzungen, bei Autoimmunkrankheiten (wo sich das Abwehrsystem gegen körpereigenes Gewebe richtet) ebenso wie bei bestimmten Formen der Unfruchtbarkeit. Darüber hinaus bietet sich diese Biotechnik, die äußerst feine stoffliche Unterschiede registriert, bei der Herstellung von Impfstoffen, beim Herausfiltern kostbarer Wirkstoffe, ja sogar in der Gerichtsmedizin an. Und nicht zuletzt setzen Wissenschaftler die Monoclonals erfolgreich zur weiteren Erforschung des Immunsystems ein.

Krebs. Ein Hauptproblem bei der Krebs-Erkennung und -behandlung ist die Unterscheidung zwischen gesunden und kranken Zellen. Tumorzellen weisen zwar eine veränderte Membran-Oberfläche auf. Ein Teil der Membran bleibt aber weiterhin mit jener von gesunden Zellen identisch. Dieses „Differenzierungsproblem“ wird unter anderem noch dadurch verschärft, daß Krebszellen die sie kenntlich machenden Antigene auf ihrer Membran verändern können. Mit solchen Tricks „narren“ die Tumorzellen nicht nur das Immunsystem, sondern bislang auch die Monoclonals: Noch fehlen eindeutige „Marker“ für entartete Zellen. Mit einem „Cocktail“ aus verschiedenen Monoclonals, für verschiedene Tumorzell-Merkmale scharfgemacht, könnte das Problem gelöst werden. Immerhin ist es schon gelungen, Lungen-, Magen- und Leberkrebs aufzuspüren, aber auch die bislang durchweg zu spät erkannten Karzinome der Bauchspeicheldrüse. Auch das Melanom, ein bösartiger Hautkrebs des Menschen, kann mit der Monoclonal-Technik schon frühzeitig erkannt werden. Ein Test zum Erkennen von Prostata-Krebs hat schon Handelsreife erreicht. Die hohe Empfindlichkeit der Tumor-Spürhunde nährt außerdem die Hoffnung, in Zukunft rechtzeitig Tochterzellen von Karzinomen (Metastasen) ausfindig machen zu können. Die sehr frühe Diagnose der meist tödlichen Metastasierung könnte künftig zum Einsatz therapeutisch wirksamer Monoclonals führen – wenn es gelingen sollte, die Antikörper à la Köhler mit einem wirksamen Zellgift zu koppeln und dann auf die Krebszellen zu hetzen.