„Lady Orakel“ von Margaret Atwood. Eine Frau hat den eigenen Tod fingiert und inszeniert, um sich so aus einer schwierigen Lage zu befreien. In Wirklichkeit wird ihre Lage jetzt erst recht schwierig. Diese Frau erinnert sich, nun, da es vorbei sein soll, ihres bisherigen Lebens. Das ist gar nicht so einfach, denn lange schon führte sie eine doppelte Existenz. Angefangen hatte es mit einem Groschenroman, den sie unter Pseudonym verfaßte; danach gibt es die Ich-Erzählerin zweimal, das bringt Vorteile und zwei Bankkonten mit sich. Weil das Heftchenschreiben Spaß macht und viel Geld bringt, bleibt die Frau dabei, zumal sie das Prinzip auch im Privatleben anwenden kann. Sie erfindet sich ihre Identität immer wieder neu, übernimmt, was in romantischen Geschichten sich gut macht, auch für die eigene Biographie. „Das war der Grund, warum ich mein Leben jedesmal wieder neu erfand: Die Wahrheit war nicht überzeugend.“ Die Frau, die von der Heftchenschreiberin zur Literatin avanciert, lebt aufregend, denn was das Leben nicht bietet, kann sie erfinden. Schwierig wird es erst, als an Stelle des Phantastischen ein phantastischer Mann auftaucht, der läßt sich nicht so einfach – neben dem Ehemann – einfügen ins Netz der ordentlichen Lügen. Zumal die Produktivität des Romantischen unter der romantischen Leidenschaft leiden muß. Man soll die Größe einer Imagination nicht in die kleine Wirklichkeit retten wollen. Margaret Atwoods früher (1976 erschienener) Roman erzählt die Geschichte einer passionierten und klugen Lügnerin; leider übertreibt die kanadische Autorin jedoch ihre Lust an der Verwirrkonstruktion der Geschichte; so läßt die Spannung, die Neugier auf Lüge und Wahrheit bald nach, und am Ende ist man nur noch ein bißchen enttäuscht, daß das, was mit so viel Aufwand begonnen wurde, so einfältig enden soll. (Aus dem Englischen von Werner Waldhoff; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1984, 376 S., 36,– DM)

Manuela Reichart