Bonn: „Julia M. Cameron: Das fotografische Werk“

Die Biographie der britischen Photographin Julia Margaret Cameron ist so ungewöhnlich, wie es ihre Photos selber sind. Sie ist 1815 in Kalkutta geboren und von Herkunft und Erziehung eine Repräsentantin jenes „victorianischen“ britischen Empires, dessen gesellschaftliche Oberschicht mit einem konservativen Kulturbewußtsein assoziiert wird, das allem Neuen eher ablehnend gegenüberstand. Erst mit 49 Jahren beginnt Margaret Cameron. Das technische Wissen für ihre Arbeit erwirbt sie sich mühsam im Selbststudium. In etwa zehn Jahren entstehen über fünfhundert heute registrierte Photographien, die einen unverwechselbaren Stil ausgebildet haben und eine perfekte Umsetzung der victorianischen Ästhetik in das neue Medium darstellen. Ihr Motiv ist fast ausschließlich das Porträt, ihre Sehweise geschult an der Kunst der italienischen Renaissance, die im England ihrer. Zeit in höchstem Ansehen stand. Ihre ästhetischen Vorstellungen sind verglichen mit der zeitgenössischen Malerei konservativ. Erst die Kunst der Raffaeliten und Präraffaeliten, deren künstlerische Höhepunkte später liegen, lassen wieder Anknüpfungspunkte erkennen. Die Modelle werden auf ihren Photos stets in äußerst stilisierten Posen dargestellt. Über die Wirklichkeit im England der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts sagen sie kaum etwas aus, allenfalls vermitteln sie einen Eindruck von der victorianischen Geisteshaltung. Zusätzlich veredelt und verklärt erscheinen die madonnenhaften Frauengestalten durch die dunkle Einfärbung der Originalabzüge auf einer Emulsion aus Eiweiß und Silbernitrat. Es sind „gemalte“ Photos und zugleich Übersetzungen des Malerischen in das Photographische. Die Ausstellung in Bonn konfrontiert die Photos mit zeitgenössischen Porträts der Dargestellten, meist von der Hand des Malers G. F. Watts, und demonstriert dadurch die Übersetzung des Malerischen ins Photographische zu einer eigenständigen Photoästhetik. Eine Entwicklung findet in den zehn Jahren der aktiven Zeit als Photokünstlerin in den Arbeiten der Cameron nicht statt. Statt dessen werden die Mythologien der britischen Welt photographiert und in Zyklen mit den Namen „Die heilige Familie“, „Cupido“ oder „König Arthur“ zusammengefaßt. (Rheinisches Landesmuseum Bonn bis 4. November, Katalog in englischer Sprache 25,– DM.)

Hans-Peter Riese

Stuttgart: „Grieshaber. Ein Lebenswerk“

Nach Munch und der „Brücke“ ist er: „der Holzschneider“. Grieshaber, der den Holzschnitt zu einem wandfüllenden Ereignis gemacht hat. Ein Mann in einem üppig blühenden Garten, wo auf Wäscheleinen riesige Druckblätter hängen. Kulturpreisträger aus dem Schwäbischen. Ein knorriger Einsiedler ... der es fertig gebracht hat, zwischen Reutlingen, Rostock und Dresden eine deutsch-deutsche Brücke zu zimmern. Der sich auf der Achalm in eine Arche zurückzieht. Aber vernehmlich über Ungarn und Vietnam, das Elend der Psychiatrie und atomare Aufrüstung spricht. Der „betroffene Zeitgenosse“, dem man zuhört. Ein Naturlyriker, an dem man sich freut. Kurzum: Einer, der mit allen seinen Seiten plastisch im Bewußtsein steht. Vielleicht zu sehr ein Begriff ist, als daß eine Begegnung noch einmal zu einem Erlebnis werden könnte? – Die Stuttgarter Ausstellung, in diesem Jahr, in dem Grieshaber fünfundsiebzig geworden wäre, will aber genau dies. Sie geht zu dem Mann in die Werkstatt zurück. Mit den großzügigen Gouachen, den Maquetten der Bücher, der farbigen Maler-Elastik der Holzstöcke beschreibt sie ihn neu. Graphik lag für Grieshaber „irgendwie zwischen der Skulptur und der Malerei“. Daß der Arbeit mit dem Messer die mit Pinsel und Kreide vorausging, war durchaus nicht unbekannt. Doch wenn neben dem bekannten „Totentanz von Basel“, dem Holzschnitt-Zyklus, der 1966 zuerst in Dresden erschienen war, jetzt die vorbereitende Folge von Gouachen und Collagen aus der Stuttgarter Staatsgalerie als eine völlig eigenständige Arbeit steht – wenn nicht nur hier ein Werk-hinter-dem-Werk zutage kommt, darf man getrost von einer Entdeckung sprechen. „Man wird sehen, daß das ein Maler war“, davon war HAP Grieshaber selbst überzeugt. Und wirklich erscheint die Malerei als das „Naturereignis“ seiner Kunst. Ein magmatisches Phänomen – während auf dem „Umweg Holz“ das scharf geschnittene Detail und das konstruktive Kalkül sich ausbilden. Gerade durch den malerischen Vortrag wird klar, daß der Inhalt nicht am thematischen Vorwurf hängen muß. Daß der Bildsinn, bevor er sich noch identifizieren läßt, eine Farbe und eine Form ist. Engagiert – wie Grieshaber sagt – ist die Kunst schon „in sich selbst“. Als kreativer Akt. (Kunstgebäude am Schloßplatz bis 18. November, Katalog 40 DM.) Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Das Abenteuer der Ideen. Architektur und Philosophie seit der industriellen Revolution“ (Neue Nationalgalerie bis 18. 11., Kataloge für 10, 27, 38 DM)