„Haremsdame und Heimchen am Herd“ von Jutta de Jong. Das Materialienbuch für die Sekundarstufen I und II beweist, wie bei dem Blick durch die kulturelle Überlegenheitsbrille übersehen wird, daß auch die christlichen Kulturstifter die Unterwerfung der Frau unter den Mann jahrhundertelang sanktionierten. Interpretationssicherheiten – hie die emanzipierte, westliche Frau, dort die bedauernswerte türkische Haussklavin – geraten so ins Wanken. Ob den Geschichts- und Sozialkundelehrern, die das Buch ja anwenden sollen, diese Zielsetzung in dem völlig verquasten Soziologen-Rotwelsch des Vorworts nähergebracht werden kann, steht zu bezweifeln. Gleichwohl: Eine aufschlußreiche Quellensammlung für den Unterricht, (pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf 1984, 124 S., 22 Mark) D. S.

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„Eine Liebe wie jede andere“ von Thomas Grossmann. Der übliche Spruch „Wie sag’ ich’s meinem Kinde“ erfährt eine unangenehme Umkehrung, wenn homosexuell empfindende Mädchen oder Jungen ihren Eltern sagen, wie sie allein glücklich werden können. Bestürzung ist die Folge. Denn neben dem „das kann doch nicht wahr sein“ sind das erste, was den derart „aufgeklärten“ Eltern in den Kopf schießt: die alltäglichen Klischees. Ein kleines, sachlich und verständlich geschriebenes Bändchen, unabhängig von anbiederndem Sozialtrieb, gibt erste Informationen, zeigt Betroffenheit und Solidarität, ist sachlich und ehrlich, wenn auch, welche Frage, Partei. Ein Sachbuch also, ein Ratgeber, geschrieben, um irgendwann selbst unnötig zu sein. Ein, immer noch, notwendiges Aufklärungsbuch für Eltern, (rororo Elternrat, Reinbek bei Hamburg, 1984; 140 S., 9,80 Mark) G. G.

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„Lesen ist so schön wie träumen“, hrsg. von Hans Gärtner. Ein Buch mit Nase (auf dem Umschlag) und Nase fürs Buch, dieser erste „Almanach für Kinder- und Jugendbuchliteratur“. Ein schönes Buch mit Bildern, Leseproben zu jedem angesprochen Buch, schönen Geschichten, Angaben zu den Autoren und Kurzrezensionen. Von Kempowski bis Jim Knopf, vom Goldesel bis zum überstarken Willibald, die Geschichten und ihre Erfinder sind Seite für Seite im Almanach gebucht, Geburtstagskinder mit literarischer Vergangenheit angefügt, dazu ein kinderliterarischer Kalender, auch didaktische und literaturtheoretische Anmerkungen, auch die Berücksichtigung von Altersgruppen. Ein Bücher-Buch für die „Überdosis Leben“. (Domino-Verlag, München, 1983; 35 Mark) G. G.

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„Nachforschungen in Barbiana. Alltag und Folgen der Schülerschule“, Lisa Brink und Leonore Thies (unter Mitarbeit von Gerd Iben). Die „Scuola di Barbiana“, eine winzige Dorfschule, die zwischen 1955 und 1967 von dem Pfarrer Don Lorenzo Milani in der Toscana betrieben wurde, avancierte in den siebziger Jahren aufgrund einer gleichnamigen Veröffentlichung bei Wagenbach in Deutschland zum Urtyp einer „Schülerschule“ – einer radikalen Alternative zu den verstaubten Strukturen der bürokratischen Massenschule. Bergbauernkinder, Sitzenbleiber und Analphabeten hatten damals in dreijähriger Arbeit eine fesselnde Analyse ihrer schulischen und gesellschaftlichen Situation, der systematischen Benachteiligung von Unterschichtkindern durch das Schulsystem, geschrieben; eine Analyse, die, in viele Sprachen übersetzt, weltweit Aufsehen erregte und das italienische Bildungssystem spürbar verändert hat. Jetzt haben Elisabeth Brink und Leonore Thies Dokumente und Augenzeugen aus jenen Tagen, vor allem aber ehemalige Schüler aufgespürt und mit ihnen den Alltag der „Schülerschule“ rekonstruiert. Ihre Studie verdeutlicht die nachhaltige Wirksamkeit einer Pädagogik, in der Leben und Lernen, Erziehung und Unterricht eine untrennbare Einheit bildeten. Ein Buch, das ganz emotionsfrei ein radikales Schulmodell in seiner historischen Bedingtheit verstehen hilft. (Weinheim/Basel, Beltz Verlag 1984, Beltz Bibliothek Bd. 113; 115 Seiten, 12 Mark) J. R.

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