Von Ralf Dahrendorf

Am 24. Oktober ist Theodor Eschenburg 80 Jahre alt geworden. Der hanseatisch-südwestdeutsche Demokrat gehört zu den unentbehrlichen Gestalten des deutschen öffentlichen Lebens. Ein Mahner, Wächter, oft ein Donnerer – zumal wenn Krisen und Skandale das Gemeinwesen heimsuchten und die Maßstäbe erschütterten.

Eschenburgs Großvater war Bürgermeister in Lübeck, sein Vater Konteradmiral der kaiserlichen Marine. Er selbst studierte Geschichte an den Universitäten Tübingen und Berlin. Seine Dissertation von 1928 über "Bassermann, Bülow und den Block" erwies mehr als ein Doktorandeninteresse; es war das erste Werk eines Mannes der öffentlichen Dinge. Der "wissenschaftliche Referent" wurde, wie es sein späterer Schüler Friedrich Karl Fromme ausdrückte, "Gesprächspartner des Außenministers Stresemann". Er wandte sich übrigens vor dem Ende der Weimarer Republik der aus den ("Süddeutschen") Demokraten hervorgegangenen Partei mit dem für Liberale eigentümlichen Namen Deutsche Staatspartei zu.

Theodor Eschenburg war 28, als die Nazis die Macht übernahmen, 40 in der Zeit des Zusammenbruchs – zu wichtige Jahre, um am öffentlichen Leben nicht teilzuhaben. In dieser Zeit war er Syndikus von Industrieverbänden, darunter dem der deutschen Knopfindustrie. Er selbst erzählt die Geschichte von der Begegnung mit Ludwig Erhard während des Krieges im Haus des Berliner Nachbarn Karl Blessing, des ersten Präsidenten der Deutschen Bundesbank. Erhard fehlten zwei Knöpfe am Hemd. "Ein Knopf, das ist im vierten Kriegsjahr erlaubt, aber zwei – das geht nicht." Eschenburg gab dem Besucher aus Franken ein Kärtchen mit Knöpfen, worauf dieser sich, zum Entsetzen des vorsichtigeren Bewohners der Reichshauptstadt, mit einem Manuskript aus seiner Aktentasche revanchierte, in dem Gedanken zu einer deutschen Wirtschaftspolitik nach dem verlorenen Kriege niedergelegt waren. Nur mit Mühe konnte Eschenburg den Besucher davon abhalten, mit diesen Manuskripten durch die Stadt zu fahren.

Eschenburg war immer für Anekdoten gut, für solche, die er erzählt, und für solche, die er verursacht. Seine lange Zeit stets glimmende Pfeife allein bot dazu manchen Stoff (das hinter dem Rednerpult qualmende Jackett, der in Flammen aufgehende Papierkorb im Büro in der Tübinger Brunnenstraße). Das alles paßte schon zur Universitätsstadt Tübingen, in die ihn Carlo Schmid nach dem Kriege holte. Dort war Eschenburg zunächst Mann der Regierung, Staatskommissar für Umsiedlung, dann nicht zufällig im Innenministerium, als Ministerialrat und Staatsrat. Tübingen war damals Hauptstadt von Württemberg-Hohenzollern und Staatsrat Eschenburg einer derer, die für die Schaffung des größeren Südweststaates eintraten. Im Jahr der Entstehung von Baden-Württemberg, 1952, wurde er ordentlicher Professor für Wissenschaftliche Politik an der Universität Tübingen. Seine Lehrtätigkeit wirkte auch darum stark, weil das Fach frühzeitig für das höhere Lehramt Anerkennung fand. Als Autor zahlreicher Schriften und als Publizist – seit 1957 regelmäßig in der ZEIT – fand er indes weit über Tübingen hinaus ein Echo. Als Berater war er stets gleichermaßen gesucht und gefürchtet. Die großen Ehrungen der späten Jahre, die Preise sowie vor allem die Aufnahme in den Orden Pour le merke, haben jedoch allseits Zustimmung gefunden. Heute darf man Theodor Eschenburg als den großen alten Mann der Verfassungskunae bezeichnen.

Damit indes hat man viel zu wenig über ihn gesagt. Eschenburgs Charakterbild hat nie geschwankt in der Geschichte. Es gibt nicht viele Deutsche seiner Generation – auch nicht viele Jüngere –, von denen man das sagen kann. Theodor Eschenburg steht als Mann wie als Publizist und wissenschaftlicher Autor für eine Position, die man wohl liberal nennen mag, die aber historisch genauer als die eines Republikaners und Demokraten bezeichnet ist: Er glaubt an die rationale, die legale Herrschaft im Max Weberschen Sinn, sieht einen Platz für Parteien und andere organisierte Kräfte ebenso wie für die Rechte des einzelnen, besteht dabei aber mit Entschiedenheit nicht nur auf der Form der Institutionen, sondern auf deren Sinn und damit auf den moralischen Pflichten und der Verantwortung der Bürger einschließlich derer, die Ämter haben. Vielleicht bezeichnen die kleineren Schriften so sehr Eschenburgs Interesse wie sein großes Werk über "Staat und Gesellschaft", die Schriften über Ämterpatronage, Parteienfinanzierung, die Herrschaft der Verbände, die Stellung des Beamten, das Gutachten zur Guillaume-Affäre, dann immer wieder und glücklicherweise bis heute die Artikel in der ZEIT Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Eschenburg seinen Traktat "Über Autorität" gern geschrieben hat. Das Verhältnis von Amt und Person ist sein besonderes Thema, in diesem Sinne die wirkliche Verfassung, also das, was sich gehört im Sinne der Erwartungen wie in dem der Ansprüche.

Wenn es eine Verrottung der deutschen politischen Klasse gibt, dann sicherlich trotz Eschenburg und zu seinem Ärger. "Ärger" dürfte dabei das richtige Wort sein, denn Eschenburg hat sich nie der Düsternis der Verzweiflung hingegeben; ihm sind immer neue Mahnungen und Vorschläge eingefallen; vor allem aber ist er entgegen den Moden der Zeit nie davon ausgegangen, daß Menschen gut sein müssen, damit das Gemeinwesen vernünftige Lebensvoraussetzungen schafft. Ein klarer Sinn für Institutionen und ein realistisches Bild vom Menschen verbinden sich bei ihm in für Deutschland durchaus ungewöhnlicher Weise.