Carlo Rubbia könnte der Held eines Hollywood-Epos mit dem Titel "Z-Null" sein: groß, blond und sehr dynamisch, heute Harvard, morgen Genf. Dort dirigiert er eine Kompanie Physiker an gigantischem Gerät, fährt Mercedes und empfing schon den Papst. Rubbia, kein Zweifel, ist ein Star.

Mehr Mühe hätte ein Drehbuchschreiber allerdings mit den Ideen Rubbias: gestern noch treibende Kraft hinter einem genialen Experiment, heute Nobelpreisträger, morgen vielleicht Pfadfinder in einer Welt noch kleinerer Teilchen.

Vieles im Leben des 1934 im italienischen Gorizia geborenen Carlo Rubbia ist von Gegensätzen geprägt. So teilt der Sohn einer deutschsprachigen Mutter aus dem k.u.k. Reich (damals hieß Gorizia noch Görz) den größten seiner Triumphe mit einem Partner, der so ganz anders ist als er: Die andere Hälfte des mit rund 577 000 Mark dotierten diesjährigen Nobelpreises für Physik geht an Simon van der Meer. Beide Preisträger arbeiten für das europäische Kernforschungszentrum CERN.

Simon van der Meer, 1925 im holländischen Den Haag geboren, ist ein bescheidener Mensch. Er fing 1956 "als kleiner Ingenieur" beim CERN an und hatte "nie davon geträumt, jemals eine solche Auszeichnung zu erhalten". Von Kollegen wird van der Meer, heute "Leitender Ingenieur" am Genfer Zentrum, als "Prototyp des Erfinders" und "typischer Tüftler" beschrieben, ja als eine Art "Daniel Düsentrieb". Seine Arbeit will er als "einen Beitrag zur Kultur" verstanden wissen, "zu der es ja auch gehört, zu wissen, aus was die Materie besteht".

Rubbia und van der Meer wurden für die experimentelle Bestätigung der Theorie ausgezeichnet, wonach die beiden so unterschiedlichen Ur-Kräfte Elektromagnetismus und "Schwache Kraft" in Wirklichkeit verschiedene Erscheinungsformen derselben, nun "elektroschwach" genannten Wechselwirkung sind (die Schwache Kraft wirkt nur im Bereich der Atomkerne, wo sie den radioaktiven Beta-Zerfall regelt; außerdem bewirkt sie, daß instabile Teilchen im Kosmos immer wieder auf die stabilen Bausteine unserer Welt reduziert werden, auf Elektron und Neutrino, Proton und Neutron).

Der Erfolg wäre freilich nicht möglich gewesen ohne die Vorarbeit einer Handvoll Theoretiker und der Zuarbeit vieler hundert Physiker und Ingenieure aus vielen Nationen, darunter eine potente Forschergruppe der TH Aachen um Professor Helmut Faissner (siehe Glosse).

Die Genfer Experimente galten schon lange als nobelpreisträchtig. 1979 hatten die theoretischen Väter der "elektroschwachen Wechselwirkung" den Physik-Nobelpreis gewonnen, die beiden Amerikaner Sheldon Glasnow und Steven Weinberg sowie der Pakistani Abdus Salam. Ihre nun "Standardtheorie" oder – nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen – kurz "GSW-Theorie" genannte Urkraft-Vereinigung hatte 1973 eine erste experimentelle Bestätigung gefunden. Damals konnten CERN-Forscher, darunter die Aachener, die von der GSW-Theorie prophezeiten "neutralen Ströme" nachweisen. Solche Ströme sollen von einem elektrisch neutralen, sehr schweren Wechselwirkungsteilchen namens Z-Null übertragen werden und zwischen den beiden grundlegenden Partikelfamilien der Materie fließen, den Leptonen und Hadronen. Zu den sechs bekannten Leptonen ("die Leichten") zählen das Elektron und das Neutrino, während die Hadronen-Familie ("die Schweren") aus den sechs bekannten Quarks besteht, den Bausteinen der Atomkern-Teilchen Proton und Neutron.