Vom Auswanderungsland zum Einwanderungsland

Von Gerhard Spörl

Mit dem melancholischen Blick des Außenseiters hat Georg Simmel, Ahnherr deutscher Soziologie, die Existenz des Fremden in einer Gesellschaft beschrieben. Er ist und bleibt ein Wanderer, der von irgendwo aufgebrochen ist und nicht recht am Ziel ankommt. Er hat nicht dorthin gehört, wo er war; er trifft dort zu spät ein, wo er hingehören will.

Soweit die Fremden nicht einzeln, sondern in Massen auftreten, kommt anderes hinzu: der Kampf zwischen Mehrheit und Minderheit; der Konflikt von Kulturen und Nationen. Das klassische Athen staunte einfach darüber, wie viele verschiedene Völker es doch unter der Sonne gab, und nannte sie alle – der Einfachheit halber – Barbaren, weil sie nicht die griechische Kultur teilten. Rom unterdrückte sie und beutete sie zunächst unterschiedslos aus. Erst die beiden letzten Jahrhunderte haben die Unterschiede der Völker und Kulturen zum Krieg der Rassen werden lassen.

Unausgesprochen spielen solche Gedanken eine Rolle, wenn in der Bundesrepublik über das Verhältnis der Deutschen zu den Fremden im Lande, zu den Ausländern, diskutiert wird. Wieviel Fremdheit darf, wie viele Fremde dürfen es sein? Was ist der Maßstab dafür?

Den akademischen Bemühungen um Rationalität in dieser historisch und emotional beschwerten Diskussion, ist der Stempel des déjà vu aufgedrückt. Das gilt für den Beitrag des Sozialhistorikers

Peter Marschalck: „Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1984; 203 S., 12,– DM.