Der Einbruch in unsere bürgerliche Welt kam kurz nach Mitternacht. Das Telephon schrillte. Meine Frau, voller Angst, es könnte sich um einen Notruf aus dem Familienkreis handeln, nahm zitternd den Hörer ab und vernahm am anderen Ende der Leitung eine tiefgurrende Männerstimme: „Süßer Engel, klappt’s heute noch mit uns?“

Die Reaktion am diesseitigen Ende der Leitung – meine Frau hielt die Sprechmuschel zu und zischte mir ins Ohr: „unglaublich“ – ließ Schlimmes ahnen, bevor sie („falsch verbunden“) den Hörer aufknallte. „Stell dir vor, da hat mir doch einer ...“

Eine Viertelstunde später klingelte es wieder. Diesmal meldete ich mich mit Namen. Die Verwirrung des Anrufers äußerte sich zunächst in Sprachlosigkeit. Und erst, als ich höflich, aber bestimmt nachfragte: „Wer ist denn da?“ kam die Antwort, die auf ein wiedergewonnenes Selbstvertrauen schließen ließ: „Hier Schnapsdrossel.“

Am nächsten Tag klingelte das Telephon wieder und wieder bei uns. Nachmittags, abends und nachts. Ging meine Frau an den Apparat, dann gab’s die „Wie-wär’s-heute-mit-uns?“-Aufforderung. Nahm ich den Hörer ab, dann kam, nach kurzer Pause, irgendeine kühne Behauptung. Wie zum Beispiel: „Alter Sack, bist du doch tatsächlich vor mir am Schuß.“

Wie gesagt, wir fühlten uns gestört; und wir nahmen den Hörer nachts schließlich nur noch ab, um uns gegen unsichtbare Intim-Feinde zu wehren. Und wer konnte es uns schließlich übelnehmen, daß wir sogar zu einer Kalauerantwort Zuflucht nahmen: „Keine Nummer unter diesem Anschluß.“

Das ging so lange weiter, bis wir endlich einen am Telephon hatten, der uns erklärte, weshalb er ausgerechnet unsere Nummer gewählt hätte. Er habe also in der Hamburger Morgenpost unter der Rubrik „Treffpunkt“ mit dem Zeigefinger auf eine Telephonnummer getippt, und er wäre dabei auf den „süßen Engel“ gestoßen. Sein Fehler: Er hatte vergessen, die erste (etwas versetzte) Zahl der siebenstelligen Nummer, mit der der süße Engel seine französischen Dienste empfahl, zu wählen. Und nun war er bei unserer sechsstelligen Nummer gelandet, die keine Unterschiede: mehr zu der des Engels aufwies: Man brauchte nur die erste Zahl wegzulassen.

Und das taten, vermutlich unter Zeitdruck, so viele, daß wir schon befürchteten, der süße Engel könnte durch uns einen kaum noch wiedergutzumachenden Verdienstausfall erleiden. Denn wer uns in den nun folgenden Wochen auch immer anrief, es waren weniger Familienangehörige oder Freunde als vielmehr jene eiligen Unbekannten, die vergaßen, die erste Zahl mitzuwählen.