Rainer Barzel vor Augen und, mehr noch, die unmittelbare Verquickung von ökonomischer und politischer Macht, stellt Hans L. Merkle eine seiner Maximen hintan - nichts zu sagen über sich und schon gar nichts über andere. Er sagt, freilich ohne Namen zu nennen: "Die in der Öffentlichkeit mit Recht diskutierten Beziehungen einzelner Politiker zu einzelnen Unternehmen bilden nicht die Norm, sind Ausnahme Er sagt dies, als ob er noch hätte sagen können: "Warten wir erst einmal den Ausgang der Dinge ab. Jeder ist solange unschuldig, "

Doch daß ausgerechnet Merkle diese Zuflucht nicht nimmt, gibt seinem auf den ersten Blick unscheinbaren Satz eine kategorische Note. Und indem er, wenn auch zögernd, über andere redet, redet Merkle auch von sich: Seine Vorstellung von öffentlicher Moral ist rigoros; Diskretion und Distanz, nach innen und außen gekehrte Rücksicht also, verlieren dann, wenn jene Moral bedroht ist, den Rang, den sie bei Merkle ansonsten sicher haben: den ersten. Hans L. Merkle ist vor einigen Monaten 71 Jahre alt geworden. Wenig später hat er - nach über zwanzig Jahren - den Vorsitz der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH an Marcus Bierich abgegeben, um nun den Aufsichtsrat zu führen. Die asketische Starre, die ihn, äußerlich, lange geprägt hat, ist von ihm abgesprungen. Seine Gesten sind lebendig, dirigieren den Rhythmus dessen, was er sagt. Der Kopf bleibt geneigt, während sich die Wörter zu druckreifen Sätzen reihen. Und das plötzliche Aufblicken ist das des Prüfers, das den Prüfling fixiert, ihn aber auch daran denken läßt, daß in manch einer Prüfung der Lehrer sich selbst fordert und zur eigenen Befriedigung besteht.

Hans L. Merkle, keine Frage, ist mit sich zufrieden, und er beginnt im Gespräch, sich durch all die Jahrzehnte lang gepflegten Klischees vom unnahbaren ersten Mann Hindurch sichtbar zu machen.

Dies zuzulassen, das war - sehr milde gesagt nicht immer Merkles Art. Dazu bedurfte es früher massiver äußerer Einflüsse. So wie im Jahr 1979, in dem der Kanzlerkandidat der Union Strauß hieß und in dem Merkle - von den Politikern als unternehmerische Leitfigur gesehen und von "seinen" Unternehmern als polit philosophischer Kopf betrachtet - aus der CDU austrat, "obwohl ich stark konservative Züge habe", wie er noch heute in anderem Zusamenhang sagt.

Die Heftigkeit der öffentlichen Reaktion auf diese Tat, mit der er sich Unabhängigkeit verschaffte, hat ihn damals irritiert. Alle Interpretationsbemühungen wies er ab. Er bestritt gar den Zusammenhang dessen, was er tat, mit Straußens Auftritt. Natürlich hat er gewußt, daß die Öffentlichkeit ihm die Behauptung, das zeitliche Zusammentreffen sei zufälliger Natur, inhaltlich demnach unbedeutsam, nicht abnehmen würde. Folglich hat er — gewiß gegen seinen Willen, aber für seine Überzeugung - geduldet, sichtbar zu werden.

Und zumindest einmal noch wird er das erzwungene Sichtbar Werden erdulden müssen. In einem Verfahren, das ihn der "verdeckten Parteienfinanzierung" verdächtigt, der Vergabe von Parteispenden über die Gesellschaft zur Förderung der Wirtschaft Baden Württemberg e. V über diesen, seinen, Fall will er im Interesse seiner Verteidigung im Augenblick nicht mehr sagen, als daß er weiterhin "gut schlafen" könne.

Doch hat er dem Untersuchungsausschuß des Stuttgarter Landtags grundsätzlich seine Meinung gesagt: Bosch habe "niemals versucht, durch Spenden konkrete, insbesondere wirtschaftliche Vorteile zu erlangen" oder "Prozesse demokratischer Willensbildung oder politischer Entscheidungen durch Gewährung oder Vorenthaltung von Spenden zu beeinflussen".