Die chinesischen Kommunisten haben einen wirtschaftlichen Kurswechsel beschlossen, wie er in der Geschichte der sozialistischen Staaten ohne Beispiel ist. Die Reform, der Abschied von der totalen Planwirtschaft, ist in Wahrheit eine Revolution; da hat Deng Xiaoping völlig recht. Für Mao Tse-tungs Traum von einer Gesellschaft der Gleichen ist kein Platz mehr in einem kommunistischen Land, das vom Kapitalismus lernen will.

Sechs Jahre nach dem Beginn der Umwälzung in der Landwirtschaft, welche die Produktion in die Höhe schießen ließ und vielen Bauern zu bescheidenem Wohlstand verhalf, soll nun die Industrie von den Fesseln bürokratischer Gängelung befreit werden. An die Stelle zentraler Planung tritt der Wettbewerb der Betriebe. Lediglich die Schlüsselindustrien bleiben unter der Kontrolle der Zentralgewalt. Ansonsten wird die Produktion den Gesetzen des Marktes unterworfen. Die Preise sollen dem wahren Wert der Güter angeglichen werden. Arbeiter und Angestellte werden künftig nach der Devise bezahlt: „Die Fleißigen und Guten belohnen, die Faulen und Schlechten bestrafen.“

Wieder einmal steht das Reich der Mitte vor einem gewaltigen Experiment. Der Ausgang ist ungewiß. Die Schwierigkeiten sind groß; die Widerstände bei den orthodoxen Funktionären desgleichen. Wenn allerdings der kühne Schritt in die Zukunft glückt, wenn er die schlummernden Energien des Milliarden-Volkes freisetzt, dann wird sich die Welt verändern. M. N.