Für die Bonner Deutschlandpolitiker ist Bild zur Pflichtlektüre geworden, aus bedrückendem Anlaß. Kaum ein Tag vergeht, an dem das Blatt nicht über jene DDR-Bürger zu berichten weiß, die sich in bundesdeutschen Ostblockbotschaften festsetzen, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen.

Daß ihr Schicksal durch solche Berichte nicht erleichtert wird, ist gewiß. Aber alle inständigen Bitten um Diskretion fruchten nichts, wie schon in früheren Fällen. So ist das mit einem Blatt, das sich gern balkendick seiner Menschlichkeit rühmt.

Die Quellen liegen im dunkeln, die Motive weniger. Soll das deutsch-deutsche Verhältnis insgesamt gestört werden? Und ist dafür selbst ein Informant willkommen, der nach den Angaben des Blatts zu den „Honecker-Vertrauten“ zählt? Sonst frißt Bild Kommunisten im Dutzend. So ist das mit der Prinzipientreue, wenn sie nicht mehr paßt. Bonn macht sich ernsthafte Sorgen, ob den Landsleuten geholfen werden kann.

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Jahrelang hat der Bundestag von dem Instrument der „Aktuellen Stunde“ nur spärlich Gebrauch gemacht. Erst in jüngster Zeit haben die Oppositionsparteien, zumal die Grünen, diese Möglichkeit richtig entdeckt, Themen, die in aller Munde sind, zur Sprache zu bringen und der Regierung auf den Fersen zu bleiben. Am Mittwoch letzter Woche war Innenminister Zimmermann davon betroffen. Beim Thema Waldsterben wurde er auf Verlangen der Grünen und der SPD, die im Plenum mehr Stimmen als die Regierungsparteien zusammenbrachten, eigens herbeigeholt.

Er nahm es, aus einer Dampfertour mit der deutschen Olympiamannschaft auf dem Rhein herausgerissen, ungnädig auf. Solche Behinderung sei „unfair“; mehr noch: Es handele sich um „Possenspiele“. Union und FDP klatschten dazu sogar Beifall. Der Sozialdemokrat Harald B. Schäfer hingegen rief dazwischen: „Das Parlament als Posse?“ Indes, der amtierende Präsident intervenierte nicht, als der Herr Minister den obersten Souverän derart zu rügen beliebte.

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