Von Mathias Hacker

Die alten Chinesen tauchten Seidenfäden in den Eiter von Pockenkranken und verpflanzten diese Fäden unter die Haut von Gesunden – um sie vor Pocken zu schützen. In Europa wurden Schutzimpfungen im heutigen Sinn Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt und auf breiter Basis eingesetzt. Zu einer Zeit, als – etwa in Deutschland – nur die Hälfte aller lebend geborenen Kinder den zehnten Geburtstag erlebten. Und wenn noch um die Jahrhundertwende in Deutschland jedes Jahr über 65 000 Kinder an Diphtherie, Tuberkulose, Masern, Kinderlähmung oder Keuchhusten starben, dann ist es ohne Zweifel vor allem der Impfmedizin zu verdanken, daß heute pro Jahr nicht mehr als 20 Kinder an diesen Krankheiten sterben müssen.

Doch beschauliche Rückblicke und Genugtuung über die Erfolge der modernen Medizin sind nicht angebracht.

Auch im kommenden Jahr werden in Deutschland 200 bis 300 Kinder blind und taub zur Welt kommen, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft eine Rötelninfektion durchgemacht haben. Trotz breiter Aufklärung nämlich und spektakulären Fällen von Rötelnembryopathie sind zehn bis fünfzehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter nicht gegen Röteln geschützt.

Auch im kommenden Jahr werden ungefähr zehn Kinder in Deutschland an Masern sterben, werden 150 bis 250 Kinder als Folge von Masern an einer Encephalitis (Gehirnentzündung) erkranken und geistig behindert bleiben. Weil Eltern – und viele Ärzte – die Masern für eine harmlose Kinderkrankheit halten und 1983 nur noch 64 Prozent der Kinder gegen Masern geimpft wurden (1981 waren es noch 66 Prozent gewesen).

Schon im kommenden Jahr könnte die ausgerottete Krankheit Kinderlähmung wieder aufflackern. Denn in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel sind nur noch sieben von zehn Menschen gegen Polio geimpft. Bei einer „Durchimpfungsquote“ von 60 bis 70 Prozent aber liegt die kritische Grenze: Sind noch weniger geschützt, kann die Kinderlähmung wieder ihre Opfer fordern – wie 1952, als in Deutschland 10 000 Menschen an Polio erkrankten und 730 daran starben.

Mediziner und Gesundheitspolitiker schlagen Alarm, ärztliche Standesorganisationen und Fachzeitschriften beschäftigen sich mit der Impfmüdigkeit der Deutschen, suchen nach Ursachen und Abhilfen. Warum werden immer weniger Kinder zu den Grundimmunisierungen gebracht? Wie kann man Erwachsene davon überzeugen, daß sie nur durch regelmäßige Auffrischungsimpfungen wirklich geschützt sind?