Von Benjamin Henrichs

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt. Stellen wir uns also drei deutsche Theaterleiter vor:

Da ist zunächst Intendant A. Ein gütiger älterer Herr. Alle im Theater haben ihn irgendwie gern, alle nehmen ihn irgendwie nicht ganz ernst. Seit Jahren schon ist A. von einem scheinbar paradoxen Gemütszustand ergriffen: von heiterer Resignation. Er glaubt nicht an das ideale Theater. Er hat sich längst damit abgefunden, daß von den zehn Premieren seines Hauses bestenfalls zwei glänzend gelingen, zwei ordentlich, und den Rest kann man vergessen.

A. inszeniert am eigenen Theater – er ist nicht der erste Regisseur seines Hauses und glaubt auch nicht, es zu sein. Wenn er, am sehr späten Vormittag, sein Theater betritt (das er am sehr frühen Nachmittag für eine lange Mittagspause wieder verlassen wird), weiß er schon, was und wer ihn erwartet: der radikale Oberregisseur, der wieder einmal schreiend erklärt, an diesem Theater könne man eben kein Theater machen. A. widerspricht nicht, sondern lächelt bekümmert – was den radikalen Oberregisseur sichtbar entwaffnet.

Einmal in der Woche denkt A. an Rücktritt – und tritt natürlich niemals zurück. Denn obwohl er oft nicht weiß, was das Theater soll, weiß er noch weniger, was er ohne das Theater soll. So gehen die Jahre dahin. Viel später, wenn er längst im Ruhestand ist oder unter der Erde, werden dieselben Theaterkünstler, die ihn einst als freundlichen Opa belächelt haben, ihn einen "guten Vater", einen "echten Prinzipal" nennen.

Wie anders alles beim Intendanten B. Der betritt sein Theater schon am frühen Morgen und verläßt es erst in tiefer Nacht. Schließlich will er aufräumen mit jener Staatstheater-Schlamperei, für die Leute wie A. verantwortlich gewesen sind. B. stammt aus einer rebellischen Generation. An das ideale Theater glaubt auch er nicht mehr – aber daran sind die anderen schuld. An den idealen Theaterleiter glaubt er nach wie vor, sieht er ihn doch täglich bei der Arbeit: sich selber.

B. ist naturgemäß der erste Regisseur seines Hauses, zumindest glaubt er selber fest daran. Die besten Besetzungen, die längsten Probenzeiten, die teuersten Ausstattungen reserviert er demgemäß ganz selbstverständlich für sich. Da er zu seinem Leidwesen nicht alles selber machen kann, braucht er und hat er potente Helfer: den klugen, stillen Dramaturgen, der den Betrieb reibungslos leitet, während B. auf den Proben seiner Künstler-Existenz nachgeht. Und den patenten Hausregisseur, der mit dem wenigen, was B. übrigläßt (an Geld, Energien, Zeit), immer noch sehr brauchbare Inszenierungen auf die Bühne stellt.