Wie ein Bollwerk liegt Vancouver Island vor der Pazifikküste Kanadas. Helle Sandstrände und unzugängliche Felsenbuchten wechseln stetig miteinander ab. Das Innere der regenreichen Insel, die größer als Belgien ist, bestimmen rauhe Berge und undurchdringliche Wälder, die leider in zunehmendem Maße von der Holzindustrie ausgebeutet werden. Seit Jahrhunderten leben auf dieser Insel Indianer, an der Westküste haben sich die Nootka niedergelassen, ein Stamm, der mit seetüchtigen Einbäumen sogar den Walen nachgestellt hat. Ihre Nachbarn sind die Kwakiutl und die Salish. Sie alle haben eine viel bewunderte kulturelle Leistung hervorgebracht: die Totempfähle.

Im Thunderbird Park von Victoria, der Hauptstadt des kanadischen Bundesstaates British Columbia, lebt die alte Kunst des Totemschnitzens heute noch fort. Inmitten einer – an der ganzen Pazifikküste zusammengetragenen – Sammlung riesiger Totempfähle steht ein bunt bemaltes Zeremonienhaus der Kwakiutl-Indianer. Eine Seite dieses Holzgebäudes ist offen und gibt den Blick frei auf ein geräumiges Atelier. Hier bearbeiten Nachfahren der Küsten-Indianer vor den neugierigen Augen zahlreicher Touristen gewaltige Zedernholzstämme. Mit einfachen Werkzeugen, zumeist scharfen Äxten mit quergestellter Schneide, modellieren sie aus dem rotbraunen Holz neue Totems. Aber auch Kopien alter, verwitterter Pfähle sind in Arbeit, da das außerordentlich feuchte Klima der kanadischen Pazifikküste das Holz sehr schnell zersetzt. Kaum ein Totempfahl wird älter als 40 bis 50 Jahre, nur wenige Exemplare erreichen 100 Jahre und mehr. Sie sind die Prunkstücke des Provincial Museums von British Columbia neben dem Thunderbird Park.

Mit der Herstellung von Kopien folgen die indianischen Künstler zwar den Wünschen der ethnographischen und anthropologischen Museen, gleichzeitig brechen sie aber mit alten Traditionen: Noch bis in die ersten beiden Jahrzehnte unseres Jahrhunderts hinein war jegliche Veränderung, Reparatur und Nachbildung bereits errichteter Totempfähle mit einem strengen Tabu belegt.

In den dreißiger Jahren gab es jedoch eine selbständige indianische Schnitzkultur nur noch auf wenigen abgelegenen Inseln. Das Band der Überlieferung war nahezu vollständig abgerissen. Kaum ein Indianer kannte noch die Bedeutung der Figuren, wußte noch die Mythen, die sich um die Bildpfosten rankten. Erst in den sechziger Jahren kam es zu einer Renaissance, zu einer Rückbesinnung auf die alten Traditionen der Küstenindianer.

Solche Schnitzereien aus ganzen Baumstämmen sind typisch für die Indianer am Nordpazifik. Die Anfänge dieser Kunst reichen allerdings nicht weiter als 200 Jahre zurück. Vornehmlich finden sich tierische Motive. Sie erzählen von Jagd- und Kriegserlebnissen, aber auch von großen Feiern und berühmten Stammesgenossen. Es gab Heraldik-Pfähle, andere wiederum dienten als Pfosten beim Hausbau.

Überall in British Columbia und besonders auf Vancouver Island trifft der Besucher heute auf die mannigfaltigsten Totempfähle und -darstellungen. Zuoberst auf den bis zu 15 bis 20 Meter hohen Pfählen befindet sich meist das wichtigste Tier: das Totemtier desjenigen, von dem der Pfahl berichtet. Bei den Haida-Indianern gab es die beiden Clans des Raben und des Adlers. Diese Vögel zieren deshalb die Spitze des Totempfahls. Nach unten hin können praktisch alle Tiere folgen, die irgendeine Rolle, im Leben der Indianer gespielt haben.

Jedes dieser Tiere wird mit wenigen, immer wiederkehrenden Symbolen gekennzeichnet. Dabei können die Figuren durchaus menschliche Züge aufweisen. Wenn sich aber im Mund zwei kräftige Nagezähne befinden, wenn die Hände ein Stöckchen umklammern und ein geschuppter Schwanz zu erkennen ist, dann hat man stets einen Biber vor sich. Grizzly-Bären zeichnen sich durch ihre großen Nasenöffnungen aus, Wölfe durch ihre Reißzähne und spitzen Ohren. Der Frosch besaß kein besonders gutes Ansehen. Er wird meist mit dem Kopf nach unten abgebildet.