Man hatte es schon fast vergessen: Das fliegende Personal der Lufthansa wollte streiken, weil es sich bei Lohn und Arbeitszeit gegenüber dem Bodenpersonal benachteiligt fühlte. Für die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) war das ziemlich peinlich, denn der Spruch, der die Flieger auf die Barrikaden trieb, stammte von dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller, den die DAG selbst als Schlichter gekürt hatte.

In einem Spitzengespräch mit dem Lufthansa-Vorstand wurde die Sache bereinigt. Doch nun mußte, wie es sich gehört, eine neue Urabstimmung über das Ergebnis dieses Spitzengesprächs stattfinden. Sie zog sich, wie bei den Fliegern üblich, über Wochen hin. Doch als man auszählte, waren nicht genügend Stimmen beisammen. Also verlängerte man. Für keine Gewerkschaft wäre das schließlich zustande gekommene Ergebnis ein Ruhmesblatt: Dreißig Prozent der stimmberechtigten Mitglieder mußten zustimmen; es waren 30,68 Prozent – nach Verlängerung.

Die Mehrheit des fliegenden Personals ist also nach wie vor unzufrieden mit dem, was die DAG für sie erreicht hat. Nur mühsam konnte die DAG das Dekorum wahren und muß sich nun mit dem Ausspruch Adenauers nach seiner ersten Kanzlerwahl trösten: „Eine Stimme Mehrheit genügt.“ Die Vereinigung Cockpit aber, die Piloten und Flugingenieure also, wollen nun am 3. November darüber befinden, ob sie sich in Tariffragen weiter der DAG anvertrauen sollen. Das Ergebnis der Urabstimmung läßt daran zweifeln, ob nach dieser Krise die Ehe zwischen der DAG und den Fliegern noch zu kitten ist. hm