Von Dietrich Segebrecht

Falls Sie nicht wissen, wer das ist: Ernst Blass, Jakob Haringer, Max Herrmann-Neiße, Wilhelm Klemm, Theodor Kramer, Ernst Toller, Berthold Viertel, Paul Zech – nichts leichter, als diese Autoren kennenzulernen. Mit einer fünf Bände umfassenden Ausgabe der „Gesammelten Werke“ von Toller begann der Hanser Verlag 1978 seine Taschenbuch-Reihe „Die wiederentdeckten Dichter“. Es solle damit „ein Stück Tradition bewahrt werden, das durch die politische Entwicklung Deutschlands in diesem Jahrhundert entweder verboten oder verbrannt oder vergessen und verdrängt worden ist“ (Verlagstext). „Zur Reihe ‚Die vergessenen Dichter‘ steht ein ausführlicher Prospekt zur Verfügung“ (Verlagstext).

Wiederentdeckte Dichter? Vergessene Dichter? Oder nicht doch gleich „Die verbrannten Dichter“? Mit einer Illustrierten-Serie dieses Titels, nach journalistischen Gesichtspunkten recherchiert und geschrieben, hatte Jürgen Serke 1976 einen ungeahnten Erfolg, resultierend – so nehme ich an – aus dem schlechten Gewissen des hochverehrlichen Publikums gegenüber seinem (literatur)historischen Bewußtsein. Ein bißchen Nachhilfeunterricht schien gefragt.

Wie stellte noch kürzlich der Lektor des Hanser Verlages, Michael Krüger, in einem Interview fest (DIE ZEIT, 14. Oktober 1983)? „Der Gedächtnisverlust unserer Literatur ist so enorm, wie er kaum je zuvor spürbar war“. Autoren von gestern seien einfach „verschwunden, als gäbe es sie gar nicht mehr“, und Krüger nannte die Namen von Pound, Eliot und Shaw als Beispiele.

Ich will ein weiteres Beispiel geben: Auf einem Nebenschauplatz im herausfordernd wüsten Ambiente der Kampnagel-Fabrik in Hamburg sah ich neulich, von Schauspielschülern höchst phantasievoll inszeniert, eine Aufführung von Ivan Gölls „Methusalem“. Danach hätte ich gern den Text noch einmal gelesen und begab mich also in eine hochrenommierte, traditionsreiche große Buchhandlung. „Ivan Goll?“ hieß es da, „bedaure!“ Und man klärte mich darüber auf, daß – abgesehen von steady-sellern – ältere Literaturtitel schon nach einem Jahr remittiert werden, um den Neuerscheinungen Platz zu machen. „Aber wir besorgen Ihnen natürlich jedes lieferbare Buch, wenn Sie es wünschen ..

Tja, wenn ich es wünsche. (Übrigens: Gölls „Methusalem“ ist tatsächlich lieferbar, das satirische Drama erschien 1966 in der Reihe „Komedia“ bei de Gruyter in Berlin.) Doch darf man sich bei Handels-Usancen dieser Art über Gedächtnisverluste nicht wundern. Was nicht angeboten wird, das ist nun einmal nicht zur Hand. Die indirekte Präsenz im „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ und in den Arsenalen der Verlage nutzt da wenig.

Um auf die „vergessenen“, „verbrannten“ oder „wiederentdeckten“ Dichter zurückzukommen: Klagen und Wehgeschrei in dieser Richtung scheinen mir, aus verschiedenen Gründen, wohlfeil zu sein. Denn die deutschen Verleger jagen keineswegs alle dem schnellen Geld nach, das mit Bestsellern zu machen ist.