Washington, Ende Oktober

In der Schlußphase des amerikanischen Wahlkampfes hat stets der Wunderglaube Hochkonjunktur. Hoffnungen wuchern, obwohl eindeutige Umfragetrends sie klar zu widerlegen scheinen. Hochrechnungen werden aufgemacht, die keiner mathematischen Regel standhalten. Kann der abgeschlagene Bewerber nicht doch noch das Steuer herumreißen? Wird der Favorit vielleicht doch noch über die eigenen Füße stolpern? Es sind diese Drehbücher des Unwahrscheinlichen, die dem Präsidentschaftsrennen in Amerika so oft bis zum längst absehbaren Ende Dramatik verliehen haben.

Auch 1984 sorgt im amerikanischen Wahlkampf vornehmlich das Prinzip Hoffnung für Spannung. Die Zahlen lassen keine Überraschung mehr erwarten. Weniger als zwei Wochen vor dem Tag der Entscheidung führt der Amtsinhaber weiterhin in allen Meinungsumfragen mit großem Vorsprung. Für Reagan, so scheint es, geht es nur noch darum, ob er einen Sieg davonträgt oder aber einen Triumph erringt, ob er bloß ein beeindruckendes persönliches Mandat erhält oder ob auch die Republikanische Partei auf dem Kongreßhügel und draußen im Lande neue Höhen erklimmt.

Trotz ihres riesigen Rückstands lassen die Demokraten noch keine Anzeichen von Verzagtheit erkennen. Mit wahltaktischem Kalkül oder Selbsthypnose allein ist die anhaltende Zuversicht nicht zu erklären. Der ungebrochene Siegeswille wird auch von Erfahrungen getragen. Hat nicht Harry Truman allen Vorhersagen zum Trotz seinen Herausforderer Dewey geschlagen? Wäre es nicht Hubert Humphrey beinahe gelungen, trotz innerparteilicher Blutbader und trotz der drückenden Vietnam-Hypothek Richard Nixon auf der Ziellinie abzufangen? Vor allem aber: wie oft ist Walter Mondale schon abgeschrieben worden! Dennoch hat er immer wieder Fuß gefaßt.

In der Endrunde des Wahlkampfes macht der Herausforderer eine bessere Figur als je zuvor. Auch seinen Gegnern und den vielen, die an seinen Führungsqualitäten zweifeln, hat Mondale Respekt abgerungen. Die wichtigsten Wahlkampftests bestand er mit mehr Bravour, als ihm die meisten zugetraut hätten. Selbst wenn er den Präsidenten bei den Fernsehdebatten nicht in die Knie zwingen konnte, einen Sieg über Vorurteile und Vorbehalte hat Walter Mondale auf jeden Fall erzielt. Er erwies sich als Kämpfer, wo viele einen „Weichling“ erwartet hatten; er verbreitete Autorität, wo mit Zaudern gerechnet wurde; er zeigte Temperament, wo spröde mittelwestliche Bedachtsamkeit als unabänderlich galt.

Im amerikanischen Fernsehen präsentierte sich ein entschlossener, kompetenter Bewerber um das höchste Amt – und doch kein Sieger. Die Bilanz der beiden Debatten ergibt: Mondale hat gut abgeschnitten, aber sein Konkurrent bleibt unverändert populärer. Ronald Reagan strauchelte über Fakten und verfing sich in Ungereimtheiten, er geriet oft in die Defensive und hatte nur wenige Perspektiven zu bieten. Das Erscheinungsbild des freundlichen, unbeirrbaren Großvater-Präsidenten hat darunter offenbar nicht gelitten. Selbst sein Alter kann ihm nicht mehr schaden, seitdem er das Getuschel über seine 73 Jahre auf sehr typische Weise miteinem Witz zum Verstummenbracnte.

Wenn solch heikle Frage wie die, ob der Präsident seinem schwierigen Amt geistig und körperlich gewachsen ist, mit einem Scherz aus dem Weg geräumt werden kann, mag der Sinn der Fernsehdebatten in Zweifel geraten. Eine wichtige Funktion hatten sie dennoch. Der Anschauungsunterricht im Fernsehen bot den Amerikanern eine Chance, die Kandidaten aneinander zu messen, unmittelbar zu erleben, wie sie unter Druck reagieren, zu vergleichen, was sie zu sagen haben.

Die politische Grundströmung im Lande haben die TV-Duelle dennoch nur wenig beeinflußt. Amerika genießt sein neu erwecktes Selbstvertrauen und seinen wiedergewonnenen Optimismus. Es setzt auf den wirtschaftlichen Aufschwung. Es will in seinem Idyll nicht gestört werden. Das Verhalten der Mehrheit an den Wahlurnen ist deshalb vorauszusehen. Sie wird sich bei ihrem Urteil am 6. November mehr an den Segnungen der Gegenwart als an den Sorgen der Zukunft orientieren. (Siehe auch Seite 13)