Wieder wird der Wecker im falschen Moment stören. Wieder wird die Post enttäuschen, hierin den Zeitungen verwandt, die zum Kündigen der Abonnements langweilig sein werden, ein bestimmtes Telephonat wird sich verspäten, die Leute, die das Nachbarhaus hüten, werden den Rasenmäher und das Transistorradio aufdrehen, und daß mich – falls mein Stoffwechsel keine Spezialbiochemie dagegen erfinden kann – das alles irritiert und in die Wutnähe treibt, alles das, was nichts als Luxusquälereien sind, läßt mein Gewissen nicht in Rune. Entweder werde ich nun erst recht wütend, oder ich habe Glück und objektiviere die winzigen unscheinbaren Scherereien. Wenn aber abends nichts im Fernsehen ist? Und muß ich womöglich außerdem verreisen? Werden die Züge unpünktlich, die Anschlüsse gefährdet sein, werde ich keinen abgeschiedenen Platz finden, keine Lust haben, Himmel und Erde zur Kenntnis zu nehmen, statt dessen einfach nur gereizt sein vom verkommenen, bouillonartigen Kaffeegeschmack, vom parodistischen Kopfkissen im zu heißen Hotelzimmer, während mir noch immer die elend-muntermachende Musik aus dem Taxi im Kopf herumgeht?

Wird meine Nervosität sich aus Ohnmacht in Wut wandeln? Massenhaft sind die Wutauslöser. Und ich beschließe, SELSTVERSTÄNDLICH SIND SIE DAS, zu resümieren. Tägliches Rebellieren, das kann man nicht lebenslänglich machen. Nein, bis in mein höheres Alter hinein auf die immer ähnlichen Erreger reinzufallen, wie lächerlich, wie absurd, was für eine Zeitverschwendung. Ich muß mich in eine Distanz bringen. Schreib doch was über Leute, schlage ich mir vor, die sich in ihrer subjektiven Enge wütend, nervös, ratlos herumquälen. An meinen intelligenteren Tagen weiß ich, daß ich mich selber störe, wenn mich alles andere stört. Eine lebensverschwenderische Unbegabtheit macht wütend auf das Leben, so wie es nun einmal ist. Der Zeitverlust fällt auf, der Tod fällt mir ein. Ist er es, dem die wahre Wut gilt? Wut, nichts Besonneneres, nichts Hoffnungsvolleres? Die wütenderen Tage im Kalenderjahr, das sind die stur-erdverkrusteten Tage, derer man sich ganz und gar nicht rühmen kann. Nicht originell und nur tragikomisch finde ich es, wenn ich die Wutanfälle von gestern heute wiederhole. Und doch ist manchmal die Wut – beziehungsweise ihr „Anfall“, die laute, nicht schöne Äußerung – wie ein Medikament. Seiner zu bedürfen, gewiß, hängt ebenfalls mit Schwäche zusammen. Nicht immer glückt es, das gescheite Resignieren. Auch nicht das Bewußtsein von Millionen Erdbewohnern, die mich um MEINE Beschimpfungsanlässe beneiden würden.

Ich raffe mich auf – etwas wütend auf die schwarzverschmierten „E“ der Schreibmaschine und schreibe weiter: in dieser Erzählung ist der Held sehr oft, eigentlich grundsätzlich aufgebracht. Guter und bedauernswerter Stellvertreter, den alles empört: gut für meine Beruhigung. Die Verhältnisse – auch der „Tücken des Objekts“ – so unzulänglich lassen, wie sie sind, das kann ich lebenslänglich eben doch nicht. Am meisten in Wut versetzt meinen Helden die unangefochten gute Laune und das gedankenlose – wutferne – Einverstandensein seiner Antagonistin. Mitten im Satz bin ich, da klingelt das Telephon: Mich macht es jetzt nicht wütend.

Und was kam heute mit der Post und hat mich, erste Reaktion, irritiert? Eine Bitte der ZEIT- Redaktion, über Wuterreger zu schreiben. Ich mache es nicht, sagte ich zu meinem Mann und nannte ein paar Motive, die allesamt mit kleinlichem Wütenasein zusammenhingen, während doch schon – in der Permanenz des Auf-der-Hut-Seins vor genau diesem Wütendsein – mein Bewußsein anfing, sich an die Arbeit zu machen, über die sinnlosen Verweigerungshysterien hinauszublicken, und jetzt wäre ich, hätte ich nichts geschrieben, ein bißchen wütend auf mich und Lässigkeit, Faulheit, Unnützsein.

P. S. Jetzt soll mich aber keiner privilegiert nennen! Denn daß ich mich so schlecht auf Müßiggang verstehe, macht mich fast sofort schon wieder wütend...

Gabriele Wobmann