Von Roland Kirbach

Bonn

Wenige Tage bevor Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Frühjahr zu einem Staatsbesuch in die Türkei aufbrach, hatte er einen Brief von Siegfried Bleicher erhalten, Mitglied des DGB-Bundesvorstands. Der Gewerkschafter machte den Politiker auf ein Problem aufmerksam, das junge Türken hierzulande zunehmend bedrückt, und bat den Minister, er möge das Thema bei seinen Gesprächen mit der türkischen Regierung vorbringen und "möglicherweise eine bessere Regelung" aushandeln.

"Bereits einige Jahre vor dem Militärputsch", schrieb Bleicher, "wurde in der Türkei ein Gesetz verabschiedet, nach dem türkische Wehrpflichtige, die im Ausland leben, ihre Wehrdienstpflicht durch einen verkürzten Wehrdienst von zwei Monaten ableisten können, wenn sie in Devisen eine Summe von 11 000 Mark bezahlen. Kurz nach ihrem Machtantritt hat die Militärjunta diese Summe auf 22 000 Mark erhöht."

Immer mehr in der Bundesrepublik lebende Türken der sogenannten zweiten Generation erreichen nun das Wehrpflichtalter und sind von dieser Regelung betroffen. Zwar steht es den jungen Männern frei, den vollen Wehrdienst von 18 Monaten abzuleisten und sich so die hohe Freikaufsumme zu sparen, doch dann ist ihnen in der Regel die Wiedereinreise verwehrt. Denn in die Bundesrepublik dürfen sie nur zurückkehren, wenn sie einen Arbeitsplatz nachweisen können. Das aber können die wenigsten, da das Arbeisplatzschutzgesetz, das deutschen Arbeitnehmern und Ausländern aus EG-Staaten für die Dauer ihres Wehrdienstes den Arbeitsplatz sichert, nicht für Türken gilt. "Und welcher Arbeitgeber ist schon freiwillig bereit, einem Türken 18 Monate lang den Arbeitsplatz freizuhalten?" fragt Sirri-Mete Atsu von der Abteilung Ausländische Arbeitnehmer beim DGB-Bundesvorstand in Düsseldorf.