La vie dans les plis“, wie der Titel eines 1949 erschienenen Bandes lautet, grob übersetzt: „Das Leben in den Falten“, muß nicht nur Michaux’ Ideal gewesen sein, sondern ebenso eine praktische Verhaltensregel. Noch 1953 beklagt sich sein Biograph René Bertele über die geringe Anzahl der Würdigungen und Kommentare: hier ein eher als Gruß zu verstehender Text von Gide, dort ein paar Seiten von Blanchot, ein andermal nur ein paar Zeilen in einer Literaturgeschichte. Eine Mißachtung war das wohl weniger als der Preis, den Henri Michaux für seinen Wunsch nach Anonymität zu zahlen hatte.

Wo immer es in Paris ein literarisches Ereignis, eine Kunstrichtung oder einen Personenkult gab: Michaux war nicht dabei. 1899 in Brüssel geboren, zog er es vor, wie ein Feinmechaniker an Gedichten und kurzer Prosa zu arbeiten, auf Reisen nach Südamerika und in den Fernen Osten zu gehen oder „in den Falten“ Ausschau nach phantastischen Landschaften, nach Labyrinthen oder nach einem imaginären Personal wie Plume oder die Meidosemen zu halten. Mitte der fünfziger Jahre begann sich das Bild zu ändern, ganz in Michaux’ Sinn allerdings: er wurde weltberühmt und blieb, als Person, unbekannt. Photos von ihm sind eine Seltenheit. Paradoxerweise aber stellte sich der Ruhm über das ein, was man Michaux’ zweites Leben nennen kann. Denn der sorgfältige Poet und Sprachkünstler war ein ebenso professioneller Maler.

Seine frühen Arbeiten zeigen Köpfe oder die Abstraktion berührende Figuren, ähnlich den Wortbildern, die einen Plume oder die Meidosemen, wörterlose Gestalten, bei denen man an Quallen denkt, zustande brachten. Ein paar Jahre darauf entstehen die Tuschzeichnungen, auf denen insektoide Markierungen in Herden über die Fläche ziehen, fast ein „Tachismus“ in Reinkultur, hinter dem aber stets ein Wandspruch zum Vorschein kommt. Michaux: „Durch Worte wird immer zu viel gesagt. Worte führen weit. Und sogleich zu Komplikationen.“ Die Rhythmen hingegen, die er zeichnete, sollten „kurze Spuren, elektrische Spuren, heftige Spuren von Wesen, denen ich keine Rechenschaft abzulegen hatte“, sein.

Aber ebenso wie in den Mescalin-Zeichnungen von 1956 und 1957 verliert sich Michaux nicht in den Turbulenzen, die er herzustellen weiß. Er nennt seine Erfahrungen mit der Droge: „Misérable Miracle“, das miserable Wunder.

Hans Platschek