Von Volker Sommer

Noch vor drei Monaten pflegte Bennie in Medan, einer Großstadt im Norden Sumatras, die Hühner aus dem Hause eines Polizisten zu jagen. Jetzt schaukelt sie 90 Kilometer weiter westlich auf einem Ast über den blaugrünen Stromschnellen des Bohorok-Flusses, der die Welt endloser Gummi- und Palmölplantagen messerscharf von den Giganten des tropischen Regenwaldes trennt.

Der Weg in diese Wildnis ist von Imbißbuden gesäumt. Zahllose Wochenendausflügler lassen sich in einem schmalen Einbaum übersetzen. Bennie steigt von ihrem Ausguck herab und möchte sich leutselig unter die Menge mischen. Sofort aber wird sie mit einem Stock auf den Baum zurückgejagt, während bei der Hinweistafel „Nimm nichts mit als Photos – laß nichts zurück als Fußabdrücke“ ein weißer Orang-Barat oder „West-Mensch unter der Last baumelnder Teleobjektive ausrutscht.

Bennie wimmert. Denn sie ist zwar ein „Orang-Utan“ (wörtlich übersetzt: „Wald-Mensch“) – genauer gesagt: ein zweijähriges Waldweiblein. Aber kaum etwas findet sie unheimlicher als andere Orang-Utans, wohingegen sie Menschen geradezu mit Urvertrauen begegnet. Und bei Donner und Blitz hält sie selbst die Prügelstrafe nicht in den Bäumen.

Die Ausflügler sind auf einem schlüpfrigen Urwaldpfad dahin unterwegs, wohin auch Bennie durchs Geäst unterwegs sein sollte: zu einer Futterplattform in drei Meter Höhe, auf der je zwei Tassen Milch und vier Bananen an gut ein Dutzend junger Orang-Utans verteilt werden.

Die leicht grotesken Szenen spielen sich im „Orane-Utan-Rehabilitations-Zentrum“ ab, das idyllisch am Rande des indonesischen Gunung-Leuser-Nationalparkes liegt, mit 8000 Quadratkilometern halb so groß wie Schleswig-Holstein.

„Hier werden die Affen wild gemacht“ war nur eine der dankbaren Schlagzeilen, unter denen die Arbeit dieser Station weltbekannt wurde: ehemals gefangene Orang-Utans wieder an ein Leben im Dschungel zu gewöhnen. Je zwei solcher Zentren existieren auf den Inseln Sumatra und Borneo, den einzigen natürlichen Lebensräumen dieser Menschenaffen. Das Bohorok-Zentrum wurde vor elf Jahren vom World Wildlife Fund ins Leben gerufen und von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft finanziert.