Keine Sensation, trotzdem ein Theaterwunder: das Werkteater Amsterdam

Von Renate Klett

Wenn vom europäischen Theater die Rede ist, dann sind zwischen Brook und Bausch, Mnouchkine und Kantor ein Dutzend Namen zur Hand – einer fehlt meist, obwohl er, meine ich, dazugehört: Het Werkteater Amsterdam. Dessen Aufführungen werden zwar allgemein bewundert, doch sie sind so unspektakulär, daß es vermessen scheint, sie mit denen der Starbühnen auf eine Stufe zu stellen.

Vielleicht ist es aber auch gerade umgekehrt, vielleicht besteht das Sensationelle des Werkteaters eben darin, daß es nicht sensationell ist, daß es Menschen und ihre Geschichten darstellen kann wie niemand sonst. Was da gezeigt wird, ist nicht die Große Kunst, eher das kleine Leben (das wirklich zu zeigen die größte Kunst ist), ein Theater für den Alltag statt für die Sonn- und Feiertage.

Die Qualität des Werkteaters ist seine Fähigkeit, mit riskanten Themen umzugehen. Beispiele: ein krebskranker Mann, der im Sterben liegt; eine Liebesgeschichte zwischen zwei Behinderten; ein alter Mann und eine alte Frau, die sich an den Händen halten und gemeinsam scheißen – lauter Szenen, die eigentlich „nicht gehen“. Wie sie das Werkteater erfindet und spielt, sind sie rührend statt peinlich, beschreiben das Ungewohnte als selbstverständlich.

Darin unterscheiden sich seine Stücke von allem, was an Engagiert-Wohlmeinendem sonst auf die Bühne kommt. Ob sie von physisch oder psychisch Kranken handeln, von Gefangenen oder Behinderten, Alten oder Homosexuellen, immer handeln sie von Menschen statt von Exoten. Die Situationen werden beschrieben, nicht erklärt, es gibt Fragen, aber nicht gleich Antworten dazu. Das ist „politischer“ als jedes politische Theater; es ist auch wirkungsvoller, weil genauer.

Denn die intensive, hoch emotionale Erzählweise dieses Theaters kann einem schon mächtig unter die Haut fahren, selbst abgebrühte Zuschauer kämpfen da mit den Tränen. Während die einen noch lachen, weinen die anderen schon (und umgekehrt), und ob sie nun altmodisch erschüttert oder modern betroffen sind – gleichgültig sind sie nie.