Von Erika Martens

Der Betriebsratschef der Kugellagerfabrik SKF in Lüchow ist ein vorsichtiger Mann: "Mit Geld gibt es immer nur Ärger", weiß Horst H. Deshalb habe sich die Belegschaftsvertretung aus der ganzen Sache herausgehalten. Den Ärger hat er nun freilich doch. Anfang dieser Woche mußten der Vorsitzende und seine Kollegen vor der Betriebsversammlung Farbe bekennen.

In Lüchow, einem kleinen Ort an der niedersächsischen Grenze zur DDR, gibt es seitdem reichlich Gesprächsstoff. Denn um eine Betriebsrätin aus dem SKF-Werk in Lüchow geht es bei der Geschichte, die IG Metall-Funktionär Heinz Hawrelink unverblümt "eine ganz miese, schofelige Angelegenheit" nennt. Die wenigen Kollegen in der Belegschaftsvertretung, die davon erfuhren, dachten offenbar ebenso. Warum sonst hätten sie versucht, die "brisante Sache" (so einer von ihnen) monatelang durch striktes Stillschweigen zu erledigen. Erst jetzt besannen sie sich eines Besseren und legten die Karten auf den Tisch.

Die Affäre begann vor nunmehr zwei Jahren. Damals forderte die Geschäftsführung der SKF in Schweinfurt die Werksleitung in Lüchow auf, Personal abzubauen. Die Aktion lief nur schleppend an. Die Arbeitsmarktlage im Zonenrandgebiet ist ausgesprochen schlecht. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, hat kaum Chancen, einen neuen zu finden. Wen wundert’s also, daß die Mitarbeiter nur wenig Interesse zeigten, ihren Job an den Nagel zu hängen, obwohl die Firma ihnen den Abschied mit einer Abfindung versüßen wollte.

Im Mai 1983 allerdings änderte sich das plötzlich. Die "Aktion begann zu laufen", heißt es in einem Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson & Co, die ein knappes Jahr später die Vorgänge im Auftrag der Schweinfurter SKF-Geschäftsführung untersuchte. Und die Kontrolleure glauben, auch den Grund für den Sinneswandel zu kennen.

Am 29. April 1983 nämlich hatte auch eine Betriebsrätin einen Auflösungsvertrag unterschrieben und dessen Bedingungen waren wahrlich nicht schlecht: 180 575 Mark sollte die Kollegin erhalten, 150 750 Mark mehr als ihr, so die Berechnungen der Wirtschaftsprüfer, nach den üblichen Sozialplan-Bedingungen eigentlich zugestanden hätten.

Die freigestellte Betriebsrätin schied indes nicht sofort aus, nachdem der Vertrag perfekt war. "Man hatte sie gebeten, bis zum 4. Quartal zu bleiben", stellen die Prüfer lapidar fest. Der genaue Termin wurde erst später vereinbart. Ingrid Schmid (Name von der Redaktion geändert) verließ die Firma erst am 30. September 1983 – eine seltsame Praxis, meinen die Fachleute. Denn normalerweise werde der Zeitpunkt des Weggangs gleich im Vertrag fixiert. Seltsam erscheint den Prüfern auch, daß weder die Kollegen im Betriebsrat noch die Belegschaft bis kurz vor ihrem Ausscheiden ahnten, daß Ingrid Schmid sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter besonnen hatte.