ARD, Mittwoch, 7. November, 20.15 Uhr: "Im Damenstift", Fernsehfilm von Eberhard Fechner

Vierzehn Einzelporträts adeliger Stiftsdamen komponiert Fechner minuziös und artistisch zum Gesamtbild einer gesellschaftlichen Klasse in diesem Jahrhundert: Zeitgeschichte durch Familiengeschichten.

Seine behutsame Spurensicherung zielt auf nichts weniger als den vorgeblich objektiven Dokumentarfilm. Fechners Collage aus 35 000 Metern Filmmaterial ist ein Kunstvolles Konzentrat. In raffinierten schnitten fügen sich akribisch zerlegte Einzelinterviews zu einer Ganzheit, die verblüffend "natürlich" anmutet, tatsächlich aber ein höchst artifizielles, exakt geplantes Meisterstück der "oral history" ist. Aus tausend Facetten entsteht ein exquisites Genre-Bild – zart im Kolorit, gestochen scharf im Detail, stilvoll in der Kulisse: Szenen aus dem Alltag von vierzehn Aristokratinnen. Unverheiratet, katholisch, mittellos leben sie behütet in standesgemäßem Ambiente auf Schloß Ehreshoven bei Köln. Nach dem Willen der Stifterin sollen hier unter Leitung einer Äbtissin und eines Kurators Damen der adeligen Gesellschaft in Muße ihren Lebensabend verbringen dürfen.

Über Unterschiede persönlicher Temperamente und Biographien hinweg, auch über die diskret ausgelassenen (im Gotha nachzulesenden) Rang-Unterschiede vornehmer Geschlechter hinweg, haben die Damen eines gemeinsam: standesgemäße Erziehung, die auf bestimmte Tugenden zielte – nämlich Traditionsbewußtsein, Stil, Religiosität, Contenance.

Eben diese Contenance gewährt bei der Konversation selten den direkten Durchblick. Selbst Sottisen der Damen untereinander, scheinbar harmlos ins Parlando gestreut, werden noch aufgefangen in der Eleganz der Formulierung.

Aus Photographien, Bildnissen, Erzählmomenten werden Kindheit, Jugendjahre und die Jahre des Erwachsenseins greifbar nahe. In den Erinnerungen der Gräfinnen, Freifrauen und schlichten "vons" spiegeln sich Glanz und Schrecken der Jahrzehnte vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Sämtliche Geschichten handeln von Verlust. Vom Tod Nächststehender, vom Verlieren der Heimat, dem Abschied von Landhäusern, Schlössern, von Besitz. Auch hier: wenig Bitterkeit oder Larmoyanz, eher gefaßte Resignation; ein bißchen Melancholie, ja – aber darüber liegt Heiterkeit, die nicht nur Teil antrainierter Gesellschaftsregel ist, sondern auch Abgeklärtheit älter Menschen.

Der Titeldieser neunzig Minuten erzählter Geschichte in Lebensbildern ist erz-fontanisch. Fontanisch vielleicht auch die Zurückhaltung der Damen zum Thema Liebe. Der zweiundsiebzigjährige Fontane schreibt dazu: "Liebe. Liebe. Liebe. Ich habe selbst zu der großen antiken Leidenschaft kein rechtes Fiduz." Nein, auch das Fiduz der Damen von Ehreshoven liegt anderswo: in jener Zuversicht nämlich, die der Glauben ihnen gewährt: "Ja. Ja. Das ist die Hauptrolle im Haus. Unsere Religion", bestätigt Jannet Gräfin Eltz. Dem "enfant terrible" (84) unter den adeligen Damen entschlüpft die Bemerkung, eine der Damen, die im Sterben lag, habe unentwegt ein Buch gelesen, von dem die Pflegerin annahm, es sei die Bibel. "Als sie einmal genauer hinschaute, war es der Gotha."