Walter Mondale hat an Statur gewonnen, aber der Präsident hält seinen Vorsprung

Von Dieter Buhl

Washington, im Oktober

In der riesigen Sportarena der Staatsuniversität von Ohio wächst die Spannung. Der Einpeitscher versteht sein Handwerk. Es ist, wie gut paßt das zum Präsidentenbild, Hollywoods Bürgermeister, der als bewährter Zeremonienmeister des Wahlkämpfers Reagan die Stimmung mit filmreifen Sprüchen zum Siedepunkt treibt. Aus Tausenden von Studentenkehlen erklingt der Schlachtruf "noch vier Jahre, noch vier Jahre". Die Universitätskapelle spielt markige Lieder. An den Wänden verkünden Transparente den "Dank für unsere Zukunft" und "Mit Onkel Ronnie bis zum Sieg". Gleich wird der Mann aus dem Weißen Haus erscheinen und, getragen von unbändigem Jubel, Amerikas Wiedergeburt feiern.

Begeisterung wie in der Universitätsstadt Columbus begleitet den republikanischen Spitzenkandidaten auch anderswo im Lande. Wo immer er auftritt, verklären sich die Augen, wird die Kampagne zur Krönungsfeier. Nur selten stören Demonstranten die idyllische Szene. Der Präsident, so scheint es, reitet auf einer Woge der Zustimmung einem klaren Sieg entgegen. Und was die Phonzahlen des Beifalls vermuten lassen, belegen die Meinungsumfragen. Seit Wochen verkünden sie einen Vorsprung Reagans zwischen neun und über zwanzig Prozentpunkten. Weder die Fernsehduelle mit seinem Herausforderer noch der Wahlkampfendspurt der Demokraten verändern die Stimmungskurve. Sie weist nach oben für den Präsidenten und nach unten für den Konkurrenten.

Amerikas Meinungsforscher trauen dem schier unaufhaltsamen Trend dennoch nicht ganz. Sie leiden in diesen Tagen an den Unwägbarkeiten ihres Metiers. Je eindeutiger die Umfragen ausfallen, desto nervöser werden sie. Ein Sieg des Präsidenten in allen 50 Bundesstaaten? Zusätzliche republikanische Sitze im Repräsentantenhaus? Der Durchbruch der Republikaner zur Mehrheitspartei? Nach den Vorhersagen erscheint ein solcher Erdrutsch möglich. Er wäre trotzdem eine Überraschung, weil er einen überzeugenden Herausforderer und eine immer noch vitale Demokratische Partei begrübe.

Auch die Präsidentenberater hegen weiter Zweifel an der Dimension des Sieges. Sie wissen, daß Selbstzufriedenheit ihr größter Feind ist. Deshalb jagen sie Ronald Reagan bis zum Wahltag durch das Land. Bequemlichkeit und Ruhebedürfnis, bisher Kennzeichen dieser Präsidentschaft, werden ersetzt durch Eifer und Entschlossenheit. Selbst der Eindruck vom freundlichen, ausgleichenden Präsidenten gilt nicht mehr. Reagan hat die Glacéhandschuhe ausgezogen. Seine Tiraden gegen "den großen Geldverschwender Mondale", gegen "die Konfusion der Carter/Mondale-Ära", gegen die "Knochenweichheit" seines Herausforderers in Sicherheitsfragen lassen nicht nur die Kämpferinstinkte des sonst so charmanten älteren Herren erkennen. Sie zeigen auch, wie verbissen der Amtsinhaber trotz aller günstigen Prognosen weiter um die Wählerstimmen ringt.