Von Siegfried Schober

Werner Herzog liebt das Extreme und Exotische. Wüsteneien, eisstarrende Himalayagipfel, Dschungel voller Gefahren sind heimatliches Terrain für diesen Regisseur, mit dessen starrköpfigem Individualismus und Talent zur kraftvoll-naiven Provokation man es sich gern leicht macht, indem man ihn ein Genie nennt. Sein unstillbarer Hunger, sich in zivilisationsfernen und von der Zivilisation bedrohten Gebieten auf die Suche nach Erfahrungen zu begeben, hat ihn zu einer Kultfigur gemacht. Es mußte natürlich Aufsehen erregen, als bekannt wurde, daß Herzog in Nicaragua gefilmt hat.

Die Neugier auf den Film schlug in Entsetzen um. Bevor Herzogs dokumentarische Recherche überhaupt fertiggestellt und von irgend jemand gesehen worden war, gelangten in einige Zeitungen, in die Frankfurter Rundschau und die TAZ, aufschreckende Meldungen über den Film.

Die hoffnungsfrohen Erwartungen von Sympathisanten der sandinistischen Revolution, von Leuten, die selbstverständlich auf Herzog als potentiellen Parteigänger und Mitstreiter gesetzt hatten, wurden jäh enttäuscht. Sie, die einen vielleicht zu übergroßen Glauben in das Experiment eines neuen Nicaragua investiert hatten, mußten in ihren Zeitungen fette Schlagzeilen lesen: "Statt Sozialismus Deportation und Konzentrationslager" und "Vorwurf des Massenmords", lauteten sie. Es war längst bekannt, daß die neuen Machthaber Nicaraguas von Anbeginn ernste Schwierigkeiten mit den indianischen Minderheiten im Land hatten. Seit Beginn der Revolution vor fünf Jahren waren immer wieder verstreute Meldungen aufgetaucht, die dem "Miskito-Problem" galten. Unter dem Namen Miskito faßt man vereinfachend mehrere in entlegenen Gebieten Nicaraguas lebende Indianervölker zusammen, von denen die Miskitos selber die Mehrheit bilden. Die Miskitos wollten sich nicht ohne weiteres in den revolutionären Prozeß, in die sozialistische Umgestaltung des ganzen Landes einbeziehen lassen.

Aber es eilte in Nicaragua; die Revolution – unter innerem und fast mehr noch äußerem Druck – mußte Erfolge vorweisen, Resultaten entgegenstürmen. Die Indianer gerieten dabei unter die Räder, es kam im schlimmsten Fall zu Mord und Totschlag.

In den Berichten, die um Herzogs Nicaragua-Film unabhängig von seinem tatsächlichen Inhalt wucherten, standen auf einmal aber Zahlen und Einzelheiten, wie sie in solcher Kraßheit vorher nirgends zu lesen gewesen waren. 15 000 Miskitos seien umgebracht worden. 30 000 habe man in Zwangs- und Arbeitslager verschleppt und 5000 ins Gefängnis gesteckt. Die übrigen vegetierten "nur noch in Lumpen" in militärisch überwachten Sperrgebieten, wo sie enteignet, bestohlen, geschunden würden – alles habe man ihnen weggenommen, "Ackergeräte, Fischnetze", und selbst die Kokosbäume hätten die Sandinisten "ihnen gefällt".

Herzog sagt heute, er und sein deutsch-französischer Mitarbeiter Dennis Reichle seien falsch zitiert worden. Der Schaden war jedenfalls angerichtet: Herzog hatte, so mußte es wirken, den Stab über die Sandinisten gebrochen.