Von Allister Sparks

Sebokeng, Ende Oktober

Hat hier eine Schlacht stattgefunden? Wird in diesen Straßen Krieg geführt? Überall ausgebrannte Häuser; dazwischen fahren gepanzerte Truppentransporter umher, mit Soldaten in Kampfanzügen, deren Maschinengewehre drohend auf die tristen Gebäude gerichtet sind. Hier und da sammeln sich kleinere Gruppen von Menschen vor den Häusern. Das scheint verdächtig. Die Armeelastwagen halten, und Soldaten nehmen die Eckensteher ins Verhör.

Sebokeng ist die größte der drei schwarzen Townships südlich von Johannesburg, die in den letzten zwei Monaten nicht zur Ruhe gekommen sind. Genauso lange schon ist Pieter Willem Botha nicht mehr nur Premierminister der weißen Regierung in Pretoria, sondern auch mächtiger, von anderen Verfassungsinstanzen kaum zu kontrollierender Präsident. Die Botha-Verfassung hat Südafrika keineswegs die Ruhe gebracht, auf die ihre Erfinder und Nutznießer gehofft hatten. Für die Welle der Unruhen seit dem August fand die Regierung freilich eine bequeme Erklärung: Ihre militanten Gegner unter der nichtweißen Bevölkerungsmehrheit wollten angeblich einen Aufstand zum Sturz des Regimes entfesseln.

Botha und seine Leute glaubten offenbar allen Ernstes an eine derartige Verschwörung. Um sie zu ersticken, setzten sie das größte Aufgebot bewaffneter Macht in der Geschichte der südafrikanischen Innenpolitik in Marsch: 7000 Soldaten und Polizisten rückten in die drei Townships ein. Nie zuvor wurde die Armee so offen bei der Unterdrückung sozialen Protests eingesetzt. Eingeschüchtert wurden die Schwarzen von Sebokeng davon nicht. Gegenüber dem ersten weißen Journalisten, der seit dem Ausbruch der Gewalt vor zwei Monaten ohne Polizeischutz ihre Stadt besucht, sprechen sie von ihren berechtigten Klagen über hohe Mieten und schlechte Schulen – und davon, daß sie weiter protestieren wollen.

Die Fehleinschätzung Pretorias über die Unruhe unter den Schwarzen – vom großen Aufstand redet in Sebokeng niemand – führte zum politischen Fehlschlag. Die Invasion des Militärs brachte nichts ein als negative Schlagzeilen in der Weltpresse. Die Soldaten halfen zwar, "revolutionäre Elemente" festzusetzen, die angeblich hinter den Unruhen steckten. Nur wurde bislang keiner der 358 verhafteten Schwarzen angeklagt. Über 300 waren nach wenigen Tagen wieder auf freiem Fuß, nachdem sie Strafen von rund 50 Mark für kleine Verstöße, etwa gegen die diskriminierenden Paßgesetze, gezahlt hatten. Der Aufwand für diese Paßkontrolle war hoch.

Die Unruhen sind nicht beendet. Fünf Tage nach der großen Razzia gingen erneut Schwarze auf die Straße; 58 wurden verhaftet. Vom Aufmarsch der Soldaten hatten sie sich nicht beeindrucken lassen, nicht von den Männern mit den entsicherten Maschinengewehren, die nacheinander die drei Townships Sebokeng, Sharpeville und Boipatong umstellt hatten, während Polizisten von Haus zu Haus zogen und die annähernd 225 000 Menschen überprüften. Vergleichbares hatte es selbst bei den viel blutigeren Unruhen in Soweto vor acht Jahren nicht gegeben. Damals allerdings hatte sich die Regierung auch nicht so bedroht gefühlt.