Von Ulrich von Alemann

Deutschland ist das Land der politischen Parteien und der Parteienforschung. Nach Mitgliederzahl, Organisationsdichte, Programmdiskussion war die alte deutsche Sozialdemokratie Prototyp der Parteien des beginnenden Industriezeitalters. Es ist kein Zufall, daß der Klassiker der Parteienforschung, Robert Michels, nach der Jahrhundertwende sein "ehernes Gesetz der Oligarchie" an dieser Parteiorganisation entwickelte. Die großen britischen Parteien waren immer zuerst Parlamentsfraktionen. Die deutschen bürgerlichen Parteien, Liberale und Zentrum, waren dagegen auch als Honoratioren- und Integrationsparteien recht breit gesellschaftlich verankert.

Auch das Parteiensystem der Bundesrepublik – mit der nach wie vor organisationsstarken SPD und mit der erstaunlich von der mittelständisch/katholischen Sammlungsbewegung des Zentrum zur organisierten Massenmitgliederpartei gewandelten CDU an der Spitze – hat sich eine politisch-gesellschaftliche Bedeutung verschafft, die weder die britischen noch die französischen oder gar die nordamerikanischen Parteien je erlangten. Und auch die deutsche Parteienforschung der Nachkriegszeit kann sich sehen lassen. Es gibt kaum anderswo eine so vielfältige Literatur zu innerparteilicher Demokratie, Parteiprogrammatik, Parteiengeschichte, Parteienrecht und Parteientheorie wie in der Bundesrepublik.

Klaus vom Beyme hat mit seiner immensen Integrationskraft kürzlich eine Summa der internationalen Parteienforschung heute aus deutscher Sicht gezogen, die diesen traditionellen Kernbereich der Politikwissenschaft in der denkbaren Breite und der möglichen Tiefe hervorragend repräsentiert. Eine detaillierte Vertiefung für das gesamte Parteienspektrum der Bundesrepublik stand bisher aus. Trotz der zahlreichen Einzelstudien waren auch die wirklich gelungenen Monographien der großen Parteien bisher selten. Alf Mintzels Studien der CSU ragen hier immer noch heraus – unerreicht von den meist entweder apologetisch oder polemisch überfrachteten Arbeiten zu den übrigen Parteien. – Diese Lücke wird nun geschlossen von

Richard Stöss (Herausgeber): "Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980"; 2 Bde., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden Bd. I 1983; 1310 S., 156,– DM, Bd. II 1984; 1276 S., 152,– DM.

Der Plan ist monumental. Im Mittelpunkt steht die nach einem Raster aufgebaute Darstellung der einzelnen Parteien – nicht nur die 14 Parteien, die wenigstens einmal im Bundestag, oder die 36 Parteien, die einmal in Landtagen vertreten waren, sondern von insgesamt 130 Parteien, die zwischen 1945 und 1980 zu Landtagen oder Bundestagen kandidiert haben, wird ausgegangen. Sie werden schließlich in 47 Einzelbeiträgen in beiden Bänden zusammengefaßt sowie in der Einleitung komprimiert kommentiert.

Die Klammer der beiden dickleibigen Bände bildet eine theoretisch-historische Einleitung von allein gut 300 Seiten und ein wichtiger Registerteil am Ende des zweiten Bandes, der alle Personen, Organisationen und periodischen Publikationen der Parteien umfassen soll. Hinter dieser Entscheidung für die Größe verbirgt sich nicht Faktenhuberei, sondern eine bestimmte Auffassung über die Bedeutung nicht nur der großen "Staatspartei", sondern gerade auch der "Kleinpartei", die für den gesamten Zusammenhang des Parteiensystems eine wichtige Rolle als Korrektiv spielt. Auf dem traumatischen Hintergrund der Weimarer Erfahrung wurde das Problem der "Splitterparteienbekämpfung" durch Sperrklauseln, Parteienverbot und Wahlrechtskautelen übermäßig in den Vordergrund geschoben, so daß die Quasi-Verstaatlichung der etablierten Parteien, wie sie heute in den Skandalen zur Parteienfinanzierung allzu drastisch hervortritt, lange verborgen bleiben konnte.